Selbstversuch

Das ist leider stark in Vergessenheit geraten

Doris Knecht kann nicht und will nicht

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 08/15 vom 18.02.2015

Wieder das alte Mathe-Problem. Nein, ich kann dir bei deinen Hausaufgaben nicht helfen, das musst du selber machen. Und ja, du hast recht, ich kann nicht nur nicht, ich will auch nicht.

Ich möchte gar nicht aufzählen, was ich alles schon kann und wobei ich einem Heranwachsenden gerne behilflich bin. Die Liste ist sehr lang und enthält durchaus unübliche Posten wie U-Bahn-Fahren in New York, Bestechung von Schustern zum Zwecke der Reparaturbeschleunigung, ein friktionsfreies Verhältnis zu Marken-Sneakers, Kochen, Backen, mehrtägige Landhauspartys und, als Bonus, Bekanntschaften mit aus Funk und Fernsehen berüchtigten Persönlichkeiten. Was mich, meiner bescheidenen Ansicht nach, der Pflicht entbindet, auch noch die Mathe-Hausaufgaben verstehen und erklären zu können. Kann ich nicht. Will ich nicht. Muss ich nicht können und nicht wollen und muss ich eigentlich auch kein schlechtes Gewissen deswegen haben.

Habe ich aber natürlich eh. Das schlechte Gewissen jener Generation von Frauen, die beschlossen hat, alles zu dürfen, alles können zu wollen und alles schaffen zu können, und von denen man das dann auch erwartet. Auch wenn man dann fix irgendwann und immer wieder zu hören kriegt, dass man doch einmal runterkommen soll. Jetzt entspann dich doch mal!

Ja, wie denn! Beziehungsweise, wenn man sich dann entspannt mit ein, zwei Gläsern Wein oder meinetwegen anderen niederschwellig zielführenden Substanzen, was nun einmal am aufwandfreisten und effizientesten ist, dann heißt es gleich: Ja, so aber nicht!!! Das ist ganz schlecht! Da gibt es doch viel gesündere Entspannungstechniken! Die natürlich alle darauf hinauslaufen, dass man sich die Entspannung erarbeiten und erst wieder selber etwas dafür tun muss, das selber zu schaffen. Aneignen, üben, tüchtig sein. Ohne Fleiß kein Preis. Ein Dilemma, ja.

Und man geht ja eh Yoga. Aber es ist nicht einzusehen, warum ich mich auch noch um die Mathematikkenntnisse der Kinder kümmern soll. Vor allem glaube ich ja, dass man einst genau deshalb die allgemeine Schulpflicht eingeführt hat: damit Kinder im Leben auch Dinge lernen, die ihre Mütter und Väter ihnen kompetenzdefizitbedingt nicht beibringen können. Eine sehr vernünftige Ausgangsidee, die im Rahmen unseres kaputten Schul- und Bildungswesens leider sehr stark in Vergessenheit geraten ist. Nur so ist zu erklären, dass die anderen österreichischen Eltern und ich 2014 gemeinsam 109 Millionen Euro für Nachhilfe ausgegeben haben. 109 Millionen kostet es uns, dass wir zu blöd sind, um unseren Kindern am Abend, nach einem langen Arbeitstag, das bissl Mathe oder Englisch oder Chemie beizubringen. Und zu faul. Und zu verantwortungslos. Und zu müde. Und zu sehr beschäftigt mit Kochen und Aufräumen und Wäschewaschen und schlechtes Gewissen zu haben. Und gefälligst mal entspannt sein.

Jawoll! Gleich.


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