Selbstversuch

Schlaft gut, Kinder, schönen Tag, Mutter

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 09/15 vom 25.02.2015

Sleepless in Vienna. Immerhin kann man sich heute, da man nun schon mal um halb fünf Uhr früh wach ist, bereits die besten Oscar-Kleider im Internet anschauen. Man könnte sich auch die Übertragung anschauen, ist dafür aber noch entschieden zu unterkoffeiniert, beziehungsweise: nicht einmal zehn Kaffee würden daran etwas ändern. Hail to my girl Petra, die auf Wunsch ihres Kindes mit diesem um Mitternacht ins Gartenbaukino aufgebrochen ist, um sich das dort live und in Gesellschaft anzusehen. Man selber findet den Kurier-Ticker gerade aufregend genug und schön passend zum Aufwachen, danke, Kollegen.

Davor fürchte ich mich schon jetzt: dass mich die Brut in absehbarer Zeit zwingen wird, meine angegreisten Schlafgewohnheiten wieder aufzugeben und sie um zwei Uhr morgens bei irgendeiner Party aufzusammeln. Selbst um Mitternacht bin ich, sofern ich nicht gerade selber Party mache, längst in meiner REM-Phase. Zeitig ins Bett, früh auf. Noch zeitiger ins Bett, noch früher auf. Längst hat sich das familiäre Gute-Nacht-Kuss-Ritual umgedreht: Abends kommt der Nachwuchs ins Schlafzimmer und küsst die schon halbschlafene alte Mutter zur Nacht, um danach munter munter weiterzuteenagern bis ich weiß nicht wann. Keine Ahnung. Ich schlafe da schon längst. Ich bin eine Lerche. Während die Kinder sich durch die Nacht eulen und die Schnittmenge der gemeinsam wachen Stunden sich zusehends verkleinert. Immerhin: In fünf, sechs Jahren können sie mir, bevor sie selbst schlafen gehen, einen Kaffee ans Bett bringen, schlaft gut, Kinder, schönen Tag, Mutter.

Wahnsinn, wie lange diese Oscars dauern. Während ich hier schon knapp ein Drittel meines heutigen Tagwerks erledigt habe, vergaben die, entnehme ich dem Ticker, gerade mal beste Dokumentation, beste Filmmusik und bestes Drehbuch, und Lady Gaga hat in einem Birkenwäldchen "Sound of Music" gesungen. Nicht schlecht, behaupten die Kollegen, dennoch bin ich froh, dass ich es nicht hören musste. Ich schau mir am Guardian die "Best Oscar-dresses ever" an, kann mich für die Auswahl allerdings nicht erwärmen. Egal.

Man soll sich ja nicht für die Kleider interessieren, sondern für die Frauen darin, sagt auch Patricia Arquette, beste Nebendarstellerin, super. Selbst wenn man sich jahrelang lebensunterhaltstechnisch in einer mittelprächtigen Mystery-Serie abgeracktert hat, kann man trotzdem noch einen Oscar gewinnen: gut, gerecht und ermutigend. Überhaupt habe ich jetzt Freude dran, wenn alte Säcke gewinnen, die für die Dankesrede schon eine Lesebrille brauchen. Gut, Julianne Moore, schade, Michael Keaton. Und schade, dass "Boyhood" nicht mehr Preise kriegte, den haben wir einmal, als wir einmal alle gleichzeitig wach waren, zusammen angesehen und fanden ihn großartig.

Jetzt dürfen die Ticker-Kollegen schlafen gehen, danke, gute Nacht. Ich dagegen stehe auf, schalte die "Morning Show" ein, mache Frühstück und rüttle zärtlich an den Eulen. Schönen Tag, ihr alle.


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