Musiktheater Kritik

Schlechter Geschmack als Operettenwirklichkeit

Lexikon | HR | aus FALTER 09/15 vom 25.02.2015

Nach "antiken", gleichwohl zeitsatirischen Operetten wie der "Schönen Helena" schrieb Jacques Offenbach 1866 mit seinem Librettisten Ludovic Halévy ein Stück, das gänzlich in der aktuellen Jetztzeit des Second Empire spielt und dessen Operettenhaftigkeit bis ins anarchische Absurde steigert. Ein Strizzi verdingt sich als Touristenführer bei einem schwedischen Baron, der das "Pariser Leben" in Rausch und Sex erleben will, und seiner Frau, die in die Oper möchte. Die Neuproduktion verlegt das Geschehen in eine Art Banlieue im heutigen Paris, die Drehbühne teilt sich in ein bevölkertes Außen vor Zinshäusern und Läden im Erdgeschoß, etwa ein Modegeschäft "Maison du mauvais gôut", und mit wenig Mobiliar versehene leere Innenräume. Gardefeu gibt seine Wohnung als Dependance des Grand Hotel aus, organisiert eine Table d'hôte mit zufällig aufgesammelten und flugs als feinen Gästen kostümierten Leuten. Tags darauf findet ein Fest bei einem falschen Schweizer "Admiral" mit Sporen und einem Loch am Rücken statt (Ensemble "So ein Loch" im 3. Akt). Am Ende sind alle stockbesoffen, besonders der Baron (Finale 3. Akt: "Jetzt ist er blau").

Die Inszenierung in aufwendiger Besetzung mit vielen (noch dazu doppelt besetzten) Solisten, Chor, Statisten in bewusst teils ordinär gehaltenen Kostümen und einem Staatsballett, das in einer "Revue" Traum, Cancan und Glitter verströmen kann, verdient Respekt. Es gab bei der Premiere durchwachsene gesangliche Leistungen, am besten Pauline, gut auch die Handschuhmacherin und der Schuster, der Baron und Gardefeu. Das berühmte, von Karl Kraus verehrte "Briefrondo" der Metella ging daneben, auch die Baronin und viele andere sind leider oft textunverständlich. In den nächsten Vorstellungen sind englische Übertitel angekündigt. Bitte auch auf Deutsch!

Volksoper, Fr 19.00 (bis 19.4.)


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