Kunst Kritik

Wenn der Königsadler auf Krücken steht

Lexikon | NS | aus FALTER 09/15 vom 25.02.2015

In einer Schau mit dem Titel "Artists and Poets" kann man viel zeigen - erst recht, wenn die besagten Dichter sich nicht auf Literarisches, sondern nur auf die poetische Dimension der gezeigten Kunst beziehen. So geschehen in der Secession, wohin der Künstler Ugo Rondinone 14 Positionen seines Geschmacks holt. Wer Gedichte will, der kann noch auf der Straße das Handy zücken und die auf einem Fassadentransparent vermerkte Nummer wählen. "Dial-a-poem" heißt die 1970 entstandene Arbeit des Beat-Poeten John Giorno (übrigens der Schläfer in Warhols Film "Sleep"), das die Schule für Dichtung für die Schau so aktualisiert hat, dass man nun Versen von Reinhard Priessnitz oder H.C. Artmann lauschen kann.

Recht historisch und in der Gestaltung ungewohnt museal geht es im Hauptsaal weiter. In Zweierpaaren zeigt Rondinone jeweils Bilder und Skulpturen, die konzeptuell orientiert, aber nichtsdestotrotz lyrisch gefärbt sind. Schwebt dem Kurator ein "Dialog" vor? Wohl nicht, denn es entstanden eher parallele Soli. So rahmen die weißen Gemälde des britischen Minimalisten Bob Law aus den 1970ern Justin Matherlys große Gussskulpturen, die viel hermachen. Die riesigen Tierköpfe aus Stahlbeton, die türkische Tempelfiguren zum Vorbild haben, setzt der US-Künstler auf Gehhilfen, was ihre Wucht wieder untergräbt. Gut zur Geltung kommen auch Michaela Eichwalds neo-dadaistische Handskulpturen aus bernsteinartigem Gießharz vor den rohen Leinwänden von Giorgio Griffa.

Donald Evans erfand ab 1971 fiktionale Länder und malte ihnen bezaubernde Briefmarken, die Zobernigs Kartonskulpturen zur Nebensache machen. Ein weiteres Highlight wartet beim Beethovenfries, wo die drei Tische mit Andrew Lords bunten Keramiken von 2013 herrlich hinpassen, obwohl sie ursprünglich in Bezug auf Gauguin entstanden sind.

Secession, bis 12.4.


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