Kunst Kritik

Eine Frau, nicht mehr als Striche am Papier

Lexikon | NS | aus FALTER 10/15 vom 04.03.2015

Vier Jahre lang hat Egon Schiele sein Bett mit Walburga Neuzil geteilt. Das Leopold Museum widmet dem Modell, deren Gestalt Schieles Werk mitprägte, jetzt eine Ausstellung mit biografisch-psychologischem Anspruch. Für diesen Zugang zeichnet der Psychotherapeut Diethard Leopold verantwortlich, der nach dem Abgang von Direktor Tobias Natter 2013 das Ausstellungsprogramm kuratorisch prägt. Von seiner Mutter Elisabeth Leopold stammt die Idee, die Künstlermuse mit der Schau "Wally Neuzil. Ihr Leben mit Egon Schiele" ins Zentrum zu stellen. Das gelingt jedoch schlecht, denn die Frau hinter den Bildern wird wenig greifbar. Auch die Geschichte des Raubkunst-Porträts "Wally" - das durch die mediale Berichterstattung wohl berühmteste Werk des Museums - wird nur angerissen. Die verschämt seitlich angebrachte Infotafel wirft kein gutes Licht auf die Einstellung des Leopold Museums zu Restitution.

Das vaterlose Mädel aus Tattendorf trat 1911 als Modell in Schieles Leben. Wiewohl es keine Hinweise dafür gibt, dass Neuzil auf den Strich ging, zeigt der erste Ausstellungsabschnitt Bilder aus dem Milieu der "Bordsteinschwalben" sowie Fotos von Nackten, Tänzerinnen und Akrobatinnen. Dann wirken wieder die Darstellungen blutjunger Aktmodelle krass: weggetretene Gesichter, tote Augen und rot leuchtendes Geschlecht. Nicht so Wally, die den Betrachter in Unterwäsche eher keck adressiert oder ernst blickt. Einen Genderwechsel interpretiert die Schau in "Liebkosung", da die dargestellte Nonne Schieles Gesichtszüge trägt und die Beine des Kardinals denen Wallys ähneln. Bloß künstlerische Freiheit oder auch gelebte Rollenumkehr? Die Frage bleibt offen; dafür bietet die Schau wenig aussagekräftigen Dokumenten und Ansichten von Neulengbach und Krumau, wo das Paar wohnte, übermäßig viel Platz.

Leopold Museum; bis 1.6.


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