Viel Wärm um nichts: Küche als Kirche des Wohnens


MATTHIAS DUSINI
Stadtleben | aus FALTER 10/15 vom 04.03.2015

Fischli und Weiss im Kühlschrank, Christian Boltanksi in der Speis. Starkurator Hans Ulrich Obrist organisierte 1993 eine Ausstellung in der Küche seiner St. Gallener Wohnung. "Gekocht habe ich dort nie, nicht einmal einen Kaffee oder einen Tee habe ich mir gemacht, denn ich speiste auswärts", erinnert sich Obrist in seinem neuen Buch "Kuratieren!".

Küchen bedürfen heute keiner Künstler mehr, um sich in Galerien zu verwandeln: Sie sind Ausstellungen. Wer etwas auf sich hält, hat einen minimalistischen Block in der Mitte des Raumes stehen, leuchtet seinen häuslichen White Cube mit neutralem Neonlicht aus. Unter Kochen versteht man nicht einfach nur blödes Zwiebelschneiden und Saucenrühren. Die Köchinnen und Köche inszenieren sich vor ihren Gästen als Performer, die ein Happening aufführen.

Endlose Kommentare über Herkunft und Beschaffenheit der Zutaten begleiten das läppische Brutzeln, gerade so, als würde es sich bei dem Bratenstück um die erklärungsbedürftige Installation

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