Theater Kritik

Abraham heißt in Wirklichkeit Ernst

Lexikon | SS | aus FALTER 10/15 vom 04.03.2015

Mitten in der Nacht steigt jemand über den Balkon in eine dunkle Wohnung in München ein. Es ist die 35-jährige Ruth (Ingrid Lang), die Israel fluchtartig verlassen hat und nun zum ersten Mal nach Jahren ihrem Vater Abraham (Peter Cieslinski) gegenübersteht. In seinem biederen Wohnzimmer mit dem grünen Ledersofa steht sie und zwingt ihn vor seiner neuen und viel jüngeren Freundin Sabine (Barbara Gassner) seine Vergangenheit aufzuarbeiten: Abraham heißt in Wirklichkeit Ernst. In den 1960er-Jahren konvertierte der deutsche Protestant zum Judentum und wanderte mit seiner Familie ins Heilige Land aus.

Die Autorin Sara von Schwarze ist eine der bekanntesten Schauspielerinnen Israels, in ihrem autobiografischen Stück "Flucht" geht sie der Frage nach, was es heißt, als Kind in Israel aufzuwachsen und eigentlich Deutsche ohne jüdischen Hintergrund zu sein. Vor allem aber geht es um den Vater, sein Name ist symbolträchtig: Abraham, der Stammvater Israels.

Das Stück ist eine radikale Abrechnung mit konstituierten Identitätsmetaphern und falschen Heimatgefühlen. Regisseur Michael Gruner hat eine eigenartige Form gefunden, diesen realistischen und schweren Text zu inszenieren. Er arbeitet mit Verfremdungseffekten, was den harten Wortwechseln oft eine unerwartete Komik verleiht. Mitten in diesem realistischen Bühnenbild (Stefan Pfeistlinger) werden manche Textstellen gesungen oder karikiert, man spricht mit verzerrter Stimme oder wird zum Greis. Die Identitätsfrage verstärkt Gruner vor allem dann, wenn sich die Schauspieler in kurzen Zwischensequenzen schwarzweiße Masken vors Gesicht halten und fragen: Wer bin ich? Am stärksten ist die Inszenierung aber, wenn Vater und Tochter hebräisch miteinander sprechen. Dass dann die aller wichtigsten Sachen gesagt werden, kann man nur erahnen.

Theater Nestroyhof, Fr, Sa 20.00


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