Porträts eines Ensembles in Schieflage

Der renommierte Fotograf Jim Rakete über seine Begegnung mit dem Burgtheater-Ensemble

Lexikon | INTERVIEW: SARA SCHAUSBERGER | aus FALTER 10/15 vom 04.03.2015


Martin Wuttke: eines von 77 Burg-Porträts in Schwarzweiß (Foto: Jim Rakete)

Martin Wuttke: eines von 77 Burg-Porträts in Schwarzweiß (Foto: Jim Rakete)

Eigentlich heißt Jim Rakete gar nicht Jim. 1951 als Günther Rakete in Berlin geboren, wurde er vor allem durch seine Porträtfotografien von Musikgrößen wie Jimi Hendrix, David Bowie, Nina Hagen und Nena bekannt. Seit über 45 Jahren fotografiert Rakete Menschen aus Musik, Film und Politik; letzten Sommer holte er das gesamte Ensemble des Burgtheaters vor die Kamera. Dabei entstanden 77 Porträts in Schwarzweiß, die jetzt in der Ausstellung „Jim Rakete. Die Burg. Innenleben“ in der Leica Galerie Wien zu sehen sind.

Falter: Herr Rakete, warum Porträts?

Jim Rakete: Mit Porträts verbindet man immer Begegnungen, und ich verdanke Begegnungen ganz viel. Wenn ich auf meine Geschichte zurückschaue, stelle ich fest, dass ich sehr schöne Begegnungen in meinem Leben hatte, und da war die Fotografie immer der Schlüssel dazu. Als ich mit dem Fotografieren loslegte, wollte ich die Welt ablichten, ich wollte Leute fotografieren, die etwas bewegen und für mich waren das vor allem Autoren, Musiker, Künstler, Sportler und Politiker.

Sie bevorzugen Schwarzweiß. Warum?

Rakete: Weil man damit aus der Zeit fällt. Sind keine Farben drauf, hat man auch keine Mode. Niemand könnte sagen, in welchem Jahrzehnt die Fotos des Burgtheater-Ensembles entstanden sind, es gibt keinen einzigen Hinweis. Außer bei Mavie Hörbiger, aber das habe ich ihr auch gesagt, mit diesen doofen Nike-Schuhen reduziert es das Ganze schon mal auf einen Zeitraum von dreißig Jahren. Aber ansonsten könnte jedes dieser Fotos auch 1920 passiert sein. Das ist eine wichtige Sache für mich, deshalb hat das alles auch keinen Hintergrund. Als ich aus Berlin angekommen bin, habe ich als erstes den ganzen Abend zusammen mit einer Regieassistentin einfärbige Leinwände in die Probebühne des Burgtheaters genagelt.

Wie ist Ihre Beziehung zum Theater?

Rakete: Ich liebe Theater und finde es als Denkwerkstatt unverzichtbar. Ich bin oft im Burgtheater, die Leute da sind umwerfend.

Wie kam es dazu, dass Sie das gesamte Ensemble fotografieren?

Rakete: Ich habe darum gebeten. Ich war in der Premiere von „Das Geisterhaus“ und war wieder einmal überwältigt von diesem herausragenden Ensemble. Am Eingang zur Kantine habe ich Matthias Hartmann getroffen und ihn gefragt: „Habt ihr eigentlich mal alle fotografiert? Also richtig alle?“ Am nächsten Tag rief er mich an und wir haben das Projekt verabredet. Zwei Tage später war er schon nicht mehr Intendant des Burgtheaters und ich dachte mir, jetzt ist das vielleicht vorbei. Aber dann meldete sich Karin Bergmann und fand es eine gute Idee, also haben wir es gemacht.

Die Porträts haben ganz unterschiedliche Stimmungen. Manche wirken locker, manche inszeniert.

Rakete: Unbedingt! Das hat auch mit der Situation zu tun, aus der die Einzelnen kommen. Wenn man der Fünfte in der Reihe ist, der besonders gut oder schwierig zu fotografieren ist, dann macht das auch mit mir etwas.

Sie haben vor allem mit Musikern und Politikern gearbeitet. Was macht die Besonderheit des Schauspielers als Model aus?

Rakete: In der Rolle ist es der Schauspieler gewöhnt, angewiesen zu werden, aber als Privatmensch nicht. Es ist eine andere Qualität, einem Schauspieler zu sagen, er solle mal die Hand an seinen Kopf heben, wie es zum Beispiel Joachim Meyerhoff auf dem Foto macht. Der Schauspieler würde sofort fragen warum, und dann bist du in einer Welt von Begründungen, in die du nicht willst. Also sage ich so etwas nie. In jeder Begegnung gibt es immer auch den zweiten Erzählstrang, der nichts mit dem zu tun hat, was geredet wird. So ist es auch beim Fotografieren, und das kippt manchmal irre um, so wie bei Aenne Schwarz, die auf dem Bild verkehrt rum liegt. Das fand ich deshalb passend, weil das ganze Ensemble zu dem Zeitpunkt, als ich es fotografiert habe, ja auch gewissermaßen in Schieflage war. Dieses Ensemble wird es in der Größe nie wieder geben, schon jetzt, während wir hier sitzen und auf die Bilder kucken, sind viele von denen im Abflug begriffen.

Herr Rakete, ich wurde angewiesen, für das Interview nicht länger als 15 Minuten zu brauchen. Die Viertelstunde ist jetzt um.

Rakete: Dann haben Sie jetzt so viel Zeit mit mir verbracht wie ich mit jedem Einzelnen von denen. Wir hatten pro Porträt genau 15 Minuten, aber wenn beide offen sind, kann man in dieser Zeit eine Menge erreichen.

Leica Galerie Wien, bis 16.5.


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