Musiktheater Kritik

Hinterfotzige Lösungen der "Wiener Seele"

Lexikon | HR | aus FALTER 12/15 vom 18.03.2015

Die Ausweglosigkeit, in die Marianne in Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald" hineingetrieben wird, ihre Beichte, nachdem sie von Alfred ein Kind bekommen hat, ihre Resignation, als sie am Ende unter bigotten Bibel-und Goethe-Sprüchen doch gezwungen wird, den Fleischhauer Oskar zu heiraten; ein Wiener Walzer, der mit "falschen" Tönen und Rhythmen auf die Gasse in der Josefstadt dringt und eine ganze Szene strukturiert; die berührenden und verzweifelten Gesänge der Marianne Ilse Eerens nicht nur im Schlussduett -nein, ein "Wozzeck" ist das nicht geworden, aber etwas sehr, sehr Respektables. Zentral (vielleicht etwas zu viel nach dem Auftritt der Marianne in Nacktpose und dem 'Lied von der Wachau' im Nachtclub) ist das Agieren und Intrigieren der Trafikantin Valerie, die Angelika Kirchschlager verkörpert.

HK Gruber, anfänglich der Meinung, Horváths Stück vertrage keine Musik, machte sich mit dem Regisseur und Librettisten Michael Sturminger dreieinhalb Jahre an die Arbeit, um eine Oper aus dem "Resonanzraum der Sprache" des Dramas und seiner lokalen musikalischen Bezüge zu schaffen. Die komplizierte Partitur kommt bei den durchwegs guten Sängern, mit denen Gruber in Wien noch einmal ausgiebig proben konnte, letztlich so heraus, dass sie fast simpel und manchmal Rap-artig klingt: Beispiele dafür sind die Dialoge zwischen Valerie und Alfred oder ein Freundschaftsmonolog, in dem der Fleischhauergehilfe Oskar rät, sich doch eine andere Frau zu suchen, von denen es doch genug gäbe. Das ist keine "moderne" Neue Musik, sondern eine, die sich an Strauß, Strauss und Puccini als Erinnerung anlehnt, ohne sie tatsächlich zu zitieren. Im Gegenteil: Jede Süße ist zertrümmert oder kommt bei der Verlobungsfeier an der Neuen Donau mit heutiger Skyline live gesungen aus dem Grammofon.

Theater an der Wien, Sa, Mo 19.00


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