Film Neu im Kino

Die Zeit, die bleibt: "Still Alice"

Lexikon | Sabina Zeithammer | aus FALTER 12/15 vom 18.03.2015

Alice Howland führt ein Vorzeigeleben: Die erfolgreiche Linguistikprofessorin wurde gerade 50 Jahre alt, ist glücklich verheiratet und Mutter dreier erwachsener Kinder. Doch etwas stimmt nicht. Gedächtnisaussetzer und Momente der Desorientierung lassen sie einen Spezialisten aufsuchen. Wenig später folgt die Diagnose: Sie hat eine seltene Form der Alzheimerkrankheit.

Mit "Still Alice" verfilmten Richard Glatzer und Wash Westmoreland Lisa Genovas gleichnamigen Roman. Der Film folgt Alice' Schicksal im Zeitraum etwa eines Jahres, in dem die Krankheit rasch voranschreitet. Bald kann Alice nicht mehr unterrichten, schließlich wird sie zum Pflegefall. Die Auflösung ihrer kognitiven Fähigkeiten spiegelt sich in der Kameraführung und als brüchig werdende Erzählzeit wider: Einmal durchwühlt sie nachts die Wohnung nach ihrem verlorenen Handy. Anderntags - in der nächsten Szene - findet ihr Mann John das Gerät. "Das habe ich letzte Nacht gesucht", freut sich Alice. John raunt Tochter Anna zu: "Das war vor einem Monat."

Dass "Still Alice" kein Tearjerker, sondern eine ruhige, eindrucksvolle Tragödie geworden ist, liegt an der Konzentration auf die Protagonistin und ihren Kampfgeist. "I am not suffering, I am struggling", formuliert Alice es in einer Rede. Dies ist gleichzeitig auch die einzige Schwachstelle des Films: Trauer und Trauerarbeit in der Familie, die einen solchen Schicksalsschlag üblicherweise begleiten, bleiben fast gänzlich unerzählt, was "Still Alice" manchmal eine beinahe dokumentarische Kühle verleiht. Der schauspielerischen Leistung tut dies keinen Abbruch: Julianne Moore wurde für ihre Hauptrolle mit dem Oscar ausgezeichnet, Alec Baldwin und Kristen Stewart überzeugen als John und Tochter Lydia.

Bereits im Kino (OmU im Votiv)


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