Enthusiasmuskolumne Diesmal: das beste Talkradio im Fernsehen der Welt der Woche

Der mit den Wölfen heult

Feuilleton | Lukas Matzinger | aus FALTER 12/15 vom 18.03.2015

Claudia, warum hast du das Sofa aufgeschlitzt?" 20 Jahre lang saß Jürgen Domian mit Headset vor der Kamera und war für seine Anrufer da. Einfach da.

Bei ihm hat Charly heimlich aus dem Gefängnis angerufen, Petra, deren 15-jährige Tochter unsterblich in Domian verliebt ist, und natürlich Edwin, der regelmäßig Sex mit 60 Kilo geformtem Hackfleisch hat. Nachts heulen die Wölfe. Domian war nie Psychiater dieser Menschen, vielleicht Ratgeber, wenn überhaupt, am ehesten Beichtstuhl. Im WDR war er dienstags bis samstags von ein bis zwei Uhr nachts das Wiegenlied des deutschen Fernsehens - die moralische Instanz derer, die nicht schlafen konnten oder wollten. In guten Zeiten 100.000. "Worum geht's bei dir?"

Jetzt hat er verkündet aufzuhören. Nach über 20.000 Gesprächen wird Domian Ende nächsten Jahres seinen letzten Anruf entgegennehmen. Und jeden Einzelnen davon ernst genommen haben. Eine Stunde Domian ist Komödie und Tragödie, Banalität nebst großer Emotion. Der dünne Mann mit Kopfhörern hält das alles zusammen, gibt dem Drama einen Rahmen. Und in der Sommerpause fährt er jedes Jahr nach Lappland, um zu schweigen. Ihm wurde Voyeurismus vorgeworfen und permissive Pädagogik. Nichts davon konnte ihm schaden. Domian war nie überheblich, nie dogmatisch, hat sich nie überschätzt. Er ließ einfach reden.

Der WDR arbeitet gerade an einer Domian-Dokumentation. Er selbst überlegt ein neues Fernsehformat. Ganz ähnlich dem alten, nur im Angesicht der geplagten Seelen. Walk & Talk nennt er das.

Fürs Erste hört der bisexuelle Quadratkopf aber auf. Er hat "Lust, mal wieder öfter die Morgensonne zu sehen". Ist gut, Domian. Ruf an, wenn du was brauchst.


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