Phettbergs Predigtdienst

Unsere Blicke erkannten einander

Hermes Phettberg führt seit 1991 durch das Kirchenjahr

Kolumnen | aus FALTER 12/15 vom 18.03.2015

Ewig und nie endend ist der Geist künstlerisch begabter Menschen. Als mich gestern Gschwindls Fahrtendienst vor dem neuen, fürchterlich technoiden Block des neuen Wiener Zollamts in Wien 3, Schnirchgasse 9, ablieferte, saß ich dann beheizt vorm Beginn eines gewaltigen Stufensegments. Zwar beheizt, aber sonst nix, und dachte: "Was ist, wenn ich jetzt brunzen werde müssen?"

War es Gott oder Zufall, eine halbe Stunde danach kam ein junger Mann, als sich unsere Augen austauschten, nahm er sofort wahr, dass wir einander gut riechen können. Er erkannte meine Not und hörte nicht auf, circa eine Stunde mich zu begleiten, bis wir ganz um den Häuserblock herumgegangen waren, ich mühsam mit meinem Rollator und brunzend ohne Ende. Dann fanden wir endlich ein Loch mit einer Autoabwiege, wo riesen Lastautos aufs Gramm genau abgewogen werden können. Der riesen Gebäudeblock ist ein Neubau des Wiener Zollamts, und es zog eiskalt rundherum. Das Gemüt des mich zur Gemäldeausstellung "SI-SHI" von Philipp Müller, "Das Maskottchen ist der Mythos", kuratiert von Aram Haus, in die Katakomben des Alten Zollamts hingeleitenden Gentleman ist weltweit urseltenst anzutreffen. Unsere Blicke erkannten einander, und Gott war tatsächlich auf der Stelle wirksam. Die Idee des neuen Zollamtkellers ist genial: Wenn leere Frachträume unbenützt sind, können sie für Ausstellungen genutzt werden. Du hast das Gefühl, eine Brache liegt vor dir, und dabei steht oder hängt oder liegt ein Bildnis, das dich anlockt: Du MUSST es heimtragen und dort behüten!

Grund für meinen heutigen Traum war ein junger Mann, der sich in der gestrigen Ausstellung an meine Fernsehshow erinnern konnte und sagte: "Seit Sie nicht mehr im Fernsehen sind, ist das Fernsehen nur mehr leer." Daraus bastelte meine geniale Traumzentrale, gedopt durch Cipralex 10 mg, dass ich eine circa neunzigjährige Frau immer bei der Lottoziehung die Stufen heruntergeleite, die aber im heutigen Traum einen Schwächeanfall erlitt, sodass ich sie heruntertragen musste. Der Trick des Cipralex scheint zu sein, dass ich im Traum immer das Gefühl habe: Das mach ich eh schon immer. Auch wenn ich es noch nie getan habe. Doch der Traum vergibt Ewigkeiten.

Phettbergs Predigtdienst ist auch über www.falter.at zu abonnieren. Unter www.phettberg.at/gestion.htm ist wöchentlich neu zu lesen, wie Phettberg strömt


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige