Fragen Sie Frau Andrea

Frühstück oder Spätstück

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Kolumnen | aus FALTER 12/15 vom 18.03.2015

Liebe Frau Andrea,

jetzt ist schon wieder was passiert, wo ich nicht weiterweiß. Viele, sehr viele Lokale in Wien posaunen es heraus: "Frühstück von 8 Uhr früh bis 20 Uhr". Was soll das? Ich will nicht zu Mittag oder am Nachmittag frühstücken! Wie im Namen schon enthalten: In der Früh ein Stück, zu Mittag ess ich gerne eine Suppe, Hauptspeise und Dessert, soll nicht zu lange dauern, weil ich mich auf meine Zigarre danach freue (Zitat Sigmund Freud), und abends ein Nachtmahl naturgemäß. Was soll diese Belästigung mit dem durchgehenden Frühstück? Das ist wohl nur für schlecht erzogene Leute (Tischsitten?) oder Chaoten! Bitte, liebe Frau Andrea, spenden Sie mir Trost und Rat, Dietmar Werner, Chevalier Tarte d'Isy, Weinbauer in Poppendorf Bergen, Südburgenland, per E-Mail

Lieber Dietmar,

Sie müssen jetzt sehr stark sein. In der großen Stadt gibt es "viele, sehr viele", die nächtens nicht den Polster drücken, sondern in Spelunken und Tanzschuppen rummachen. "Drah'n", wie die Wiener sagen. Getrieben sind sie dabei von der Ökonomie der Lust. Im Schutze der Dunkelheit lässt sich besser munkeln, besser schunkeln, besser funkeln. Das Leben in der Nacht zollt indes Tribut. Schlaf will aufgeholt werden, zumindest aber absolviert. Wenn die Nachtvögel aufstehen, steht die Sonne meist schon hoch am Himmel. Das mag man beklagen oder unsittlich finden, gleichwohl ist es gelebte Realität, ja mehr noch -es ist urbanes Brauchtum. Es sei daran erinnert, dass die größte Agglomeration des Westens, New York, sich rühmt, die Stadt zu sein, die niemals schlafe. Im Lichte dieser Zusammenhänge darf die Mode des späten Frühstücks, eingenommen bis zur Dämmerung, als eines von vielen Modellen in der Produktion von Freiheit und Individualität gesehen werden. Die großen Hotels dieser Welt bedienen von jeher diese Devianzen am Ernährungssektor. Morgenmahlzeiten werden rund um die Uhr serviert. Allenfalls wird das Frühstück aufs Zimmer gebracht - um konservative Gäste beim Mittagsspachteln oder beim Nachtmahlen nicht mit dem verstörenden Anblick weicher Eier, frischgepressten Orangensafts und dem Duft von Marmeladesemmeln zu inkommodieren. Im öffentlichen Raum, so fürchte ich, werden Sie das Spätstück gütig akzeptieren müssen.


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