Porno, Beat und Patriarchat

Für die meisten war Ernest Borneman nur der Sexonkel der Nation. Zum 100. Geburtstag beleuchtet eine ausgezeichnete Biografie die vielen Leben des Jazzkritikers, Filmemachers und TV-Pioniers

Feuilleton | Würdigung: Matthas Dusini | aus FALTER 12/15 vom 18.03.2015


Foto: National Film Board of Canada

Jung und antifaschistisch: Ernest Borneman (3. v. l.) mit Kollegen der kanadischen Filmbehörde NFB in Ottawa (Foto: National Film Board of Canada)

Am Pfingstsonntag, dem 4. Juni 1995, setzte Ernest Borneman seinem Leben mit einer tödlichen Mischung aus Alkohol und Tabletten ein Ende. In den Wochen davor war sein 80. Geburtstag noch groß gefeiert worden. Die unglückliche Liebe zu seiner um 42 Jahre jüngeren Freundin Sigrid Standow sei das Motiv der Tat gewesen, hatte Borneman Journalisten wissen lassen. Er sprach von sexueller Hörigkeit, der er nur durch Suizid entkommen könne. Der bekannteste deutschsprachige Sexualwissenschaftler war stets für freie Liebe eingetreten – und starb einen romantischen Liebestod. Bild und News breiteten die Details genüsslich aus. „Junge Geliebte lief weg. Sex-Papst Professor Dr. Borneman vergiftet sich“ lautete eine Schlagzeile.

20 Jahre nach dem Tod und 100 Jahre nach der Geburt am 12. April 1915 ist Ernest Borneman weitgehend in Vergessenheit geraten, was sich durch eine ausgezeichnete Biografie des deutschen Historikers Detlef Siegfried ändern könnte. Siegfried entwirft das Bild eines schillernden Multitalents, das im Jazz, im Film und in der Geschichte der Sexualität Erstaunliches geleistet hat. Der Exilant und Sozialist Borneman hatte viele Leben.


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