"Diese Art Gewalt gilt als normal"

Wider den ökonomischen Faschismus: Oliver Frljić inszeniert Büchners "Woyzeck" am Schauspielhaus

Lexikon | Hermann Götz | aus FALTER 12/15 vom 18.03.2015

Als er vor fünf Jahren mit seiner Schauspiel-Revue "Turbo Folk" bei den Wiener Festwochen gastierte, galt der 1976 in Bosnien geboren Oliver Frljić als Enfant terrible der konservativen kroatischen Theaterszene. Hineingeboren in eine jugoslawische "Mischehe" konfrontierte Frljić die kroatische Gesellschaft mit ihren eigenen Traumata.

2013 gab es ein weiteres Festwochengastspiel unter dem bezeichnenden Titel "Ich hasse die Wahrheit!". Im selben Jahr stellte Frljić mit der Uraufführung "Where do you go to, my Lovely ...?" am Grazer Schauspielhaus sein virulent politisches Theater hierzulande erstmal in einen größeren europäischen Kontext.

Inzwischen ist der Mann Intendant des Kroatischen Nationaltheaters in Rijeka. Und inszeniert in Graz Georg Büchners "Woyzeck". Seine Interpretation des berühmten Dramas betont dessen fragmentarischen Charakter und fokussiert ganz auf den letzten Augenblick im Leben des Titelhelden. "In diesem Moment ist sein gesamtes Leben durch starke, surrealistische Bilder gegenwärtig", so der Regisseur zum Falter. "Diese Bilder sind die Materialisation seines Unterbewusstseins. Andererseits stehen sie für eine Form der sozialen Unterdrückung."

Für Frljić verweist Woyzecks Geschichte in beispielhafter Form auf das Phänomen der Entmenschlichung.

Und damit auch auf den "ökonomischen Faschismus" unserer Zeit, der jeden Tag eine große Zahl von Menschenleben fordere. "Diese Art von Gewalt", so Frljić ,"gilt als normal." Mit seinem "Woyzeck" thematisiere er die gesellschaftliche Programmierung im Dienste von Kapitalinteressen.

Im für Büchner-Dramen so typischen Wettstreit zwischen der unmittelbaren Wucht einer stark psychologisch aufgeladenen Sprache und dem kritischen Blick auf gesellschaftliche Machtverhältnisse bezieht Frljić also klar Position.

Dabei betrachtet er sich nicht als "Diener des Stückautors". Dass er selbst nicht Deutsch spricht, sieht Frljić folglich sogar als Chance. "Dadurch wird es leicht, einer Situation zu entkommen, in der die gesprochene Sprache die einzige Quelle von Bedeutung ist."

Weit schneller und universeller als der Text vermitteln sich für ihn die visuellen Komponenten des Theaters. "Und dem Theater wohnt eine Energie inne, die ohnehin nicht konzipiert werden kann." Zu erwarten ist folglich eine bildgewaltige "Woyzeck"-Deutung, die vor allem eines mit Büchner gemein hat: eine gute Portion dramatischer Anarchie. Es spielen Franz Solar, Philine Bührer, Katharina Klar, Sebastian Klein und andere.

Schauspielhaus, Graz, Do 19.3., 19.30 (Premiere)


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