Selbstversuch

Diskutieren wir hier eigentlich ernsthaft?

Doris Knecht macht das sicher nicht noch einmal

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 12/15 vom 18.03.2015

Das hätte man doch ganz anders sagen können. Freundlicher, eleganter, vor allem: gänzlich unmissionarisch, nicht so befehlsförmig formuliert, sondern als eine die Intelligenz und das Verantwortungsbewusstsein lustig kitzelnde Frage: Wäre es nicht vernünftig, vor euren Kindern nicht zu rauchen, wollt ihr euch das nicht noch einmal überlegen? Eure Sache natürlich, aber ihr wollt doch tatsächlich alle nicht, dass eure Halbwüchsigen und so weiter. Ich fang jetzt nicht wieder davon an, aber jedenfalls hätte das viel leichter, viel heiterer daherkommen sollen, unbeschwert und federnd, keinesfalls so stahlhammermäßig: Tust! Du! Nicht! VERRRRBOTTTTTEN!!! Es ist nämlich auch sehr unangenehm, wenn man mit so einer Vorlage unter Leute geht, denn unter Leute gehen heißt ja immer: unter Leute gehen, die rauchen, man sitzt dann ja letztlich immer ganz allein, höchstens zu zweit am Nichtrauchertisch, während alle anderen vor der Tür stehen oder nur mal kurz auf eine Zigarette hinüber ins Raucherkammerl wechseln, um dann niemals wiederzukehren. Man weiß dann nie, wo man sein will, in so einer Situation: da, draußen, daheim? Wenn man Glück hat, ist der einzige andere am Tisch verbliebene Nichtraucher, die andere Nichtraucherin, eine interessante Person, mit der man sich gern unterhält. Wenn nicht, dann tja. Gut, dass bald Sommer ist, da sitzt man wieder draußen, die Differenzen verwischen sich, und unterm lauen Sternenhimmel sind dann endlich eine Warmsaison lang alle gleich.

Aber egal, um Mitternacht ist man eh daheim. Weltformel revisited: Auch nach einem launigen Abend bei und mit "Willkommen Österreich" hat sie sich wieder bewährt. Das Lässige an "Willkommen Österreich" ist ja, dass man immer so entlangplaudert an der Grenze von: Diskutieren wir hier ernsthaft oder blödeln wir nur so ein bisschen rum? Das ist nett, aber man muss auch auf der Hut sein, weil sich ständig einer mittendrin einfach umentscheidet. Danach schmeckt der Wein gut, aber die Weltformel, wenn man sie ernst nimmt, beschützt einen ja vor Schlimmerem. Die Weltformel, wer's nicht kennt oder schon längst wieder vergessen hat, besagt: Wenn man, egal wo man vorher umging, um Punkt 0.01 Uhr daheim in der Küche steht und den kalten Rest der Linsen mit Speck aus dem Reindl löffelt, kann einem eigentlich nichts passieren. Vor ungefähr zwei Jahren wurde sie hier postuliert, und nach diesem Versuchszeitraum lässt sich gültig behaupten: Sie funktioniert, und sie funktioniert praktisch immer. Denn nichts Gutes passiert nach Mitternacht; jedenfalls nicht Menschen, die fünfmal die Woche um sechs Uhr früh aufstehen und es wochenends mit Müh und Not schaffen, bis halb acht oder acht zu schlafen. Alle anderen Ich werde mich hüten, hier noch einmal zu missionieren, mit moralischem Schlatz um die Pappn; sicher nicht.

Doris Knechts neuer Roman "Wald" ist kürzlich bei Rowohlt Berlin erschienen. www.dorisknecht.com


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