"Wir sind ein bissl so wie Shaun"

Peter Lord vom Trickfilmstudio Aardman über "Shaun das Schaf" und sein Kinoabenteuer

Lexikon | Gespräch: Michael Omasta | aus FALTER 12/15 vom 18.03.2015


Foto: Aardman Studios

Foto: Aardman Studios

Shaun, das Schaf, ist der Superstar des auf Plastilinfiguren und Stopptrick spezialisierten Studios Aardman Animations in Bristol. Zum ersten Mal tauchte Shaun vor 20 Jahren in einem Film mit Wallace und Gromit auf und legte einem bösen Roboterhund das Handwerk. 2007 bekam das lustige Schaf seine eigene Fernsehserie, die sich bis heute stetig wachsender Popularität erfreut.

Im Kinofilm „Shaun the Sheep the Movie“ (Regie: Richard Starzak, Mark Burton) machen sich Shaun und der Rest der Herde auf der Suche nach dem Bauern auf den Weg in die Stadt. Ein teures Feinschmeckerlokal, das unwirtliche Tierheim und ein schicker Friseursalon sind Hauptschauplätze des familienfreundlichen Abenteuerfilms. Oscar-Preisträger Peter Lord, ein Gründervater von Aardman Animations, erzählt im Gespräch mit dem Falter von seiner Arbeit unter Schafen.

Falter: Binnen weniger Jahre ist Shaun zum größten Star Ihres Studios geworden. Was ist das Geheimnis seines Erfolgs?

Peter Lord: Dass es bei Shaun keine Dialoge gibt, macht schon viel von seiner Attraktivität aus. Außerdem ist unsere Strategie aufgegangen, stets mehr zu investieren als erwartet. Die meisten Kindersendungen werden so unaufwendig wie möglich produziert, bei Shaun haben wir von Anfang an das Gegenteil gemacht: beim Schreiben, beim Storyboarding, bei der Animation – jede Abteilung hat alles gegeben. Ökonomisch ist das ein bissl verrückt, aber egal, man sieht das jetzt auch auf der Leinwand.

Was was das Schwierigste an der Arbeit mit Shaun?

Lord: Shauns Gefühlen Ausdruck zu verleihen war eine echte Herausforderung. Der Grund dafür ist, dass er die meiste Zeit über keinen Mund hat und – anders als Gromit – auch keine Augenbrauen. Das einzige, mit dem die Animateure arbeiten können, sind also die Augen, und das haben sie toll gemacht. Shaun durchlebt ein Wechselbad der Gefühle – von Begeisterung über Zorn bis Verzweiflung –, und das alles wird mit der Form seiner Augen ausgedrückt.

Ist die Arbeit am Drehbuch bei einem Animationsfilm noch wichtiger als sonst im Kino?

Lord: Das ist sicher die härteste Phase. Wir haben endlos an Details des Skripts gefeilt, weil die ganze Produktion hindurch immer wieder neue Probleme auftauchten. Wenn man einen Film macht, kann man normalerweise mit den Schauspielern proben, um eine Szene zu perfektionieren, und natürlich kann man auch mehr drehen und hat dann später verschiedene Möglichkeiten zu schneiden. Wir im Animationsfilm haben diesen Luxus nicht.

Viele Meter Film landen am Boden des Schneideraums – auch bei Aardman?

Lord: In gewissem Sinne, ja. Wir machen unsere Fehler bei der Arbeit am sogenannten Story-Reel. Dabei wird das Storyboard präzise, Bild für Bild, in der geplanten Szenenlänge abgefilmt. In dieser Produktionsphase kann man sich Fehler gerade noch leisten.

Wie entwickeln Sie eine komische Szene?

Lord: Das klingt total banal, aber zuerst braucht man eine Idee, die Potenzial hat, bei der man weiß: Oh ja, das wird ein Spaß! Sagen wir, der Farmer ist außer Haus und die Schafe fallen im Wohnzimmer ein: Sofort kommen einem 100 Dinge in den Sinn, die passieren könnten. Dann schreibt man die Szene, fertigt ein Storyboard an und nimmt das Story-Reel auf. Das wiederholt sich mehrmals, es ist ein intuitiver Prozess und die Szene wird von Mal zu Mal komischer. Und im letzten Augenblick hat vielleicht der Animateur noch eine extra komische Idee!

Shaun hat nie Angst, etwas Neues zu versuchen oder eben allein in die Stadt zu fahren. Woher kommt das? Gibt es da Ähnlichkeiten mit seinen Erfindern?

Lord: Gute Frage! (Lacht.) Wahrscheinlich ist es Shauns wichtigster Charakterzug, dass er bereit ist, Dinge auszuprobieren. Das ist sehr reizvoll, und vielleicht sind wir auch ein bissl so. Es ist schwierig, kreativ und zugleich vorsichtig zu sein, Mut und sogar Dreistigkeit gehören einfach dazu. Wenn man als Regisseur oder Designer etwas ausprobiert, darf man sich nicht fürchten, was herauskommen könnte – dabei passieren oft die besten Sachen.

In einem Interview meinten Sie, die Welt würde zugebombt mit US-Filmen – haben Sie wirklich „blitzed“ gesagt?

Lord: Hm, ja, hab ich. Wobei wir natürlich mitschuldig daran sind, denn wir lassen uns vom Tempo, der Größe und der Macht dieser Filme ja gern überwältigen. Ich persönlich habe von Superheldenfilmen jetzt aber echt genug. Please, no more!

Ab Freitag im Kino


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