Heilige am Rande des Hysterie

Die Schau "Fantastische Welten" im Kunsthistorischen führt zur expressiven Kunst um 1500

Lexikon | RUNDGANG: NICOLE SCHEYERER | aus FALTER 13/15 vom 25.03.2015


Foto: Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg

Foto: Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg

Es kommt wohl nicht oft vor, dass mittelalterliche Kunst als „abgedreht, amüsant und überraschend“ bezeichnet wird. Und doch greift der Kunsthistoriker Jochen Sander zu diesen Worten, um die von ihm für das Frankfurter Städel Museum und das Kunsthistorische Museum Wien mitkuratierte Schau „Fantastische Welten. Albrecht Altdorfer und das Expressive in der Kunst um 1500“ zu charakterisieren. Dabei werden nicht nur ausdrucksstarke Gemälde und Grafiken gezeigt, sondern auch prächtige Schnitzereien.

Die Gesichter sind aufgewühlt, die Körper unproportioniert, und sogar noch die Bäume wirken nervös: Ein ungekannter Mut zur Übersteigerung, zur Stimmung, ja sogar zur Hässlichkeit erfasste für einige Jahrzehnte führende Vertreter der nordischen Kunst. Zwar hatte Albrecht Dürer von seinen Italienreisen die harmonischen Schönheitsideale der südlichen Meister importiert, aber seine Zeitgenossen wollten in den Jahrzehnten vor der Gegenreformation partout ihr eigenes, weit deftigeres Süppchen kochen.

Als „wilde Maler von der Donau“ wurden die jetzt gezeigten österreichischen und bayrischen Künstler bekannt und zum Bindeglied zwischen Spätgotik und Renaissance erklärt. Die Ausstellungskuratoren lehnen jedoch den Begriff der „Donauschule“ wegen seiner Schwammigkeit und nationalistischen Tendenz ab. Erklärte doch die NS-Propaganda Dürer, Altdorfer und Co. zur „deutschen Kunst“ schlechthin. Die jetzige Schau zeigt hingegen, dass sich das Expressive jener Epoche nicht auf den Donauraum beschränkt, sondern ein viel weiter verzweigtes europäisches Phänomen darstellt.

Eine Wucht von einem geschnitzten Kirchenwerk eröffnet die Schau: Wie Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs treten die zwölf Apostel aus dem „Zwettler Altar“ auf, die sich vor dem leeren Sarg der auferstandenen Jungfrau Maria kaum mehr einkriegen. Die Fassungslosigkeit der Jünger Christi spricht aus ihren entgeisterten Blicken, den gekräuselten Stirnfalten und den hervortretenden Adern. Die Haar- und Bartlocken kringeln sich wie die üppigen Gewänder, während die überspannt gekrümmten Finger ins Leere greifen.

Aufruhr herrscht auch in Albrecht Altdorfers Tafelbild „Brückensturz des Hl. Florian“, ein raffiniert komponiertes Werk aus den Uffizien. Wir blicken hier unter einer Stelzenbrücke hindurch auf eine ferne Burg und ein Bergpanorama. Vom Mob bedrängt, der ihn gleich in den Fluss stoßen wird, kniet der Märtyrer oben auf dem Steg mit dem Mühlstein um den Hals und schickt sein letztes Gebet gen Himmel. Die Perspektive von unten macht die Fallhöhe umso deutlicher.

Die couragierten „Altdeutschen“ brachten auch in die Kreuzigungsszene Dynamik. Die drei Kruzifixe stehen plötzlich nicht mehr frontal nebeneinander, sondern in schräger Ansicht. So dreht etwa Lucas Cranach in der Andachtstafel „Kalvarienberg“ die Kreuze der mit Jesus hingerichteten Räuber zum Erlöser hin. Ihre sackartigen, verkürzten Leiber stellen auf Golgotha den Kontrast zum asketischen, marmorweiß leuchtenden Körper des Heilands dar. Ein Highlight der Schau bildet das an Symbolik überreiche Tableau „Sündenfall und Erlösung“ von Georg Lemberger aus dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. In dieser Nachtszene wird ein Sünder vor den Gekreuzigten geführt, der seitlich wie auf einer Drehbühne hängt. Das weit im Wind wehende Lendentuch des Herrn und mannigfaltige Lichteffekte sorgen für Dramatik.

Während Landschaften in der gotischen Kunst nur als Kulisse für biblische Szenen fungierten, werden sie für die Künstler um 1500 als selbstständiges Bildthema interessant. Altdorfers kleine, auf Pergament gemalte „Landschaft mit Burg“ wurde lange als erstes reines Bild des Genres gelobt.

Der Saaltext weist jedoch auf einen winzigen Wanderer hin, der mit freiem Auge fast nicht zu erkennen ist. Der – deutsche – Wald nimmt für die Künstler insgesamt eine besondere Rolle ein. So werden etwa in den Federzeichnungen von Wolf Huber knorrige, vom Wind gezeichnete Fichten und Kopfweiden zu geheimnisvollen Wesen mit Eigenleben.

Die Schau steckt in der Tat voller Überraschungen. Da sitzt ein Liebespaar fummelnd im Grünen, ein Drache streckt den Schwanz phallisch hoch, bevor ihn das Schwert des Heiligen Georgs durchbohrt, und ein Holzrelief zum Martyrium des Heiligen Kastulus zeigt, dass Waterboarding schon bei mittelalterlichen Folterknechten beliebt war. Darüber zucken Blitze, ziehen Meteoriten vorbei, und der Himmel färbt sich knallorange in der Hoffnung, der Messias möge uns trotz unseres bizarren irdischen Treibens erhören.

Kunsthistorisches Museum, bis 14.6.


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