Vom Nachhall einsamen Begehrens: queere Liebesentwürfe im Kunstverein

Lexikon | TEXT: ULRICH TRAGATSCHNIG | aus FALTER 13/15 vom 25.03.2015

Derzeit bilden die Programmschienen des Grazer Kunstvereins einen eher abenteuerlichen Parcours. Heman Chongs Intervention im Eingangsraum gehört zu "The Members Library" und heißt "Monument to the people we've conveniently forgotten". Der Titelzusatz ("I hate you") erklärt die Rutschigkeit der Million rein schwarzer Offset-Drucke im Visitkartenformat, die hier auf dem Boden ausgestreut wurden. Hat man das dabei anschaulich gemachte Verhältnis von Individuum und Masse vor Karl Larssons aus wenigen Strandsteinen zusammengesetztem Porträt Arthur Rimbauds weiter vertieft, darf man es in der Hauptausstellung zum Glück noch einmal ganz neu durchdenken.

Zur "Hinterfragung des Konzeptes der sozialen Abstraktion" werden in der Hauptausstellung mit David Wojnarowicz (1954-1992) und Robert Blanchon (1965-1999) zwei US-amerikanische Künstler aufgeboten, die beide in den 1980er-Jahren zu ihrem Leitmotiv gefunden haben. In Fotografien, Filmen und Videos gehen sie queeren Lebens-und Liebesentwürfen nach. Zeitbedingt beschäftigen sie sich dabei nicht nur nebenbei mit HIV/Aids. Ihre sensibel operierenden Werke kommen eher still, in sich gekehrt daher. Und ohne langen Bart: Was sie vortragen, bohrt nämlich eine Schicht tiefer als bekannter Aids-Aktivismus, kommt einem Problemzusammenhang nahe, der sich am ehesten als Vereinzelung und also Vereinsamung menschlicher Existenz fassen lässt. Das Setting aus Grabsteinfrottagen und Totentanz ergibt einen reichlich melancholischen Grundton, der dort ein wenig lauter wird, wo das Begehren vereinsamt.

Kunstverein, Graz, bis 23.5.


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