Film Neu im Kino

Utopien zwischen Volt und KGB: "Elektro Moskva"

Lexikon | EVA KLEINSCHWÄRZER | aus FALTER 13/15 vom 25.03.2015

Elena Tikhonovas und Dominik Spritzendorfers "Elektro Moskva" ist ein essayistisches Porträt russischer Elektrogeschichte innerhalb der Wechselspannungen zwischen Kunst, Politik und Gesellschaft, zwischen Raketen und Synthesizern. Getragen wird der Film von den Erzählungen der Menschen, die diese Geschichte auf verschiedenste Arten mit geprägt haben und von ihr geprägt sind.

Dabei thematisiert der Film den immerwährenden Konflikt zwischen institutionalisierter, systemkonformer Elektronik, deren Zweckhaftigkeit sich militärisch oder in Strategiefragen zeigt, und der Elektronik, die sich hinter diesen Kulissen abspielt und aus dem Müll und den Störgeräuschen dieses Systems eigene Ästhetiken entwickelt, die sich in experimentellen Musikprojekten entladen. Wie nahe diese scheinbaren Gegensätzlichkeiten im Alltag der Protagonisten zusammenliegen oder sich sogar überschneiden, auch das vermag der Film zu vermitteln: Er zeigt Konzerte, geschmuggelte Teile aus dem KGB-Quartier, nächtliche Basteleien in Hinterzimmern, Festnahmen, Stromschläge.

Diesem Themenkomplex versucht sich der Film auch formal auf verschiedenen Ebenen anzunähern. Einige Episoden werden aus Found-Footage-Schnipseln collagiert wie die russischen Synthesizer selbst, die aus Resten zusammengebastelt wurden. Menschen und deren Lebensräume erzählen eine eigene Geschichte. Detaillierte Aufnahmen von Orten oder Gegenständen vermitteln eine seltsam anmutende Zeitlichkeit und schaffen Raum für Assoziationen. Und eine Stimme aus dem Off spricht vom Geist des Kommunismus.

Der Film ist, wie die Geräte, die er zeigt, nicht mit einer vorgefertigten, freundlichen Benutzeroberfläche ausgestattet und evoziert auf eindrucksvolle Art mehrdeutige -oder besser: polyphone -Zusammenhänge.

Ab Fr im Top-Kino (OmU)


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