Kommentar Wiener Stadtpolitik

Rot-Grün: Wehleidigkeit ist keine politische Kategorie

Falter & Meinung | BARBARA TÓTH | aus FALTER 14/15 vom 01.04.2015

Was hattest du denn erwartet?", lässt der großartige amerikanische Autor James Stoner seinen Helden, den Literaturprofessor William Stoner, am Ende seines eher durchschnittlichen Lebens auf dem Sterbebett ganz resigniert fragen.

Was haben denn die Grünen von den Wiener Roten erwartet, als sie sich vor fünf Jahren mit ihnen auf eine Koalition einließen? Entgegenkommen? Sympathie? Verständnis? Dankbarkeit ist keine politische Kategorie, Wehleidigkeit sollte es auch nicht sein.

Jetzt hat die SPÖ den Grünen einen unauffälligen Mandatar abgeworben, um sich die 50. Stimme im 100 Sitze umfassenden Wiener Landtag zu holen. Und damit die Macht, alles zu blockieren, vor allem die von den Oppositionsparteien mit den Grünen hinterrücks geplante Wahlrechtsreform.

Das war alles andere als fein, aber dass Michael Häupl nach 21 Jahren im Amt ein grantelnder, aufgrund intellektueller Unterforderung schnell zur Überheblichkeit neigender Machiavellist geworden ist, wussten die Grünen vorher auch schon.

Dass er sich als solcher sicherlich nicht hintenrum von ÖVP, FPÖ und Grünen ein neues Wahlrecht oktroyieren lassen würde, auch.

Was hätten die Grünen also erwarten können? Sie haben versucht, die Roten zu legen, die Roten wischten ihnen daraufhin eines aus. Die verbleibende Zeit bis zur Gemeinderatswahl am 11. Oktober wird jetzt nebeneinanderher regiert und wahlgekämpft. Als rot-grüne Koalitionszombies.

Was bleibt, ist Befremden. Darüber, dass nicht einmal die mit so großer Euphorie gestartete Reformkoalition in Wien einen gemeinsamen, neuen politischen Stil schaffte und so untergriffig enden musste.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige