Das Semmelweis-Stüberl

Eines der einst schönsten Vorstadtgasthäuser Währings ist es jetzt wieder

Stadtleben | LOKALKRITIK: FLORIAN HOLZER | aus FALTER 14/15 vom 01.04.2015


Foto: Heribert Corn

Foto: Heribert Corn

Vor ziemlich genau einem Jahr stand hier im Stadtleben das obere Gersthof auf dem Grätzel-Plan und damit auch die Herbeck-Stuben, ein dramatisch schön gelegenes Gasthaus in der Umkehrschleife des 40ers.

Dieses Gasthaus wirkte so, als ob es 1904 gegründet worden und irgendwann in den 70er- und 80er-Jahren in eine Art Dornröschenschlaf gefallen wäre. Während in ihm Zwischendecken wuchsen, Zimmerpflanzen und Fernsehschirme wucherten, generell ganz seltsame Dekorationsmutationen stattfanden und die Speisekarte in bleierner Regungslosigkeit verharrte. Eh irgendwie schräg, aber man musste schon ganz eigene Vorlieben haben, um das richtig super zu finden.

Im vergangenen Mai hatte der nahezu ewige Schlaf dann jedenfalls ein Ende und Wolfgang Nemeth griff zu. Seit Jahren hatte der Mann, dem unter anderem das Lokal am nahen Bischof-Faber-Platz gehört (das er seit ein paar Jahren aber verpachtet hat), dieses wunderschöne Gasthaus im Auge, jetzt war’s so weit, und er holte sich zwei Partner, die sich hier ziemlich gut auskennen (was in Gersthof wichtig ist, denn das Publikum gilt als das schwierigste der ganzen Stadt): nämlich Barbara Bonka, die zehn Jahre lang ein Tal weiter in Pötzleinsdorf ihr „Die Wirtschaft“ hatte, und Michael Kantor, der als weinmäßig überaus versierter Buffetier im Pötzleinsdorfer Schlosspark hier im Cottage den Bunter-Hund-Status hat.

Im August begann der Umbau beziehungsweise die Freilegung der ursprünglichen Substanz, im Herbst hätte es fertig sein sollen, es wurde dann halt Frühling. Aber was beim Wachküssen herauskam, ist wirklich bemerkenswert – ein wunderschönes, altes Vorstadtgasthaus mit großen Fenstern, einer großzügigen Schankstube, einem riesigen Gastgarten. Ja, es gibt Gasthäuser, da gelang die Renovierung ein bisschen besser, das Steman zum Beispiel oder das Wild. Aber da war die Ausgangslage auch echt eine andere.

Den Gersthofern, die Günther Szigeti im Feles auflaufen ließen und die Bioküche im Nells verschmähten, gefällt’s jedenfalls. Ist jeden Tag voll, das neue Herbeck. Das Kalbsbeuschel, das hier recht stückig und mit reichlich Gulaschsaft gemacht wird, geht weg wie die warmen Semmeln (€ 8,80), und diese Art von Augenzwinkern, „Gabelbissen“ in Form von wirklich gutem Beinschinken (vom nahen Fleischhauer) mit russischem Salat zu servieren, eine Art dekonstruierte Schinkenrolle, kommt gut an hier (€ 5,90). „Herb Egg“, ein würfelförmig gebackenes Ei mit Kräutersalat ist nett (€ 6,90), und dass es Brösel-Karfiol gibt, kann man gar nicht hoch genug anrechnen (auch wenn er mit Butter besser ist als mit Olivenöl, € 6,90). Und die geröstete Leber vom Stier war auch sehr gut, nicht zuletzt, weil Michael Kantor ein paar tolle Weine dazu auf Lager hat. Platz bekommt man jetzt jedenfalls nicht mehr leicht hier.

Resümee:

Eines der schönsten Vorstadt- und Endstationslokale Wiens lebt wieder. Optisch puristisch, kulinarisch authentisch mit Augenzwinkern.

Herbeck
18., Scheibenbergstr. 11,
Tel. 01/470 37 57
Di–Sa 11–22, So 11–15 Uhr
www.herbeck.wien (noch nicht online)


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