Selbstversuch

Ich bin mir unsicher, ob das Absicht ist

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 15/15 vom 08.04.2015

Aberland" gelesen, von Gertraud Klemm; atemlos. So ein gutes Buch. Ein Frau in den 30ern, ihre Mutter Ende 50, beide kämpfen in braven, bürgerlichen Kleinstadt-Existenzen mit Anforderungen, in die sie sich mehr oder weniger freiwillig fügen. Es ist keine Ausbruchs-,keine Emanzipationsgeschichte, es sind sehr präzise gestrichelte Porträts von Frauen, die mit sich, ihren Lebensläufen, ihren Kindern, den Erwartungen ihrer Männer und ihrer Umgebung, dem Älterwerden und den Umständen hadern, in die sie geboren und geworfen wurden. Und die nicht rebellieren, oder nur in einem genau umgrenzten Leo, die balancieren auf der Demarkationslinie zwischen Glück - oder dem, was man sie als Glück zu akzeptieren gelehrt hat -und Unglück, zwischen äußerem Partizipieren und innerem Exil.

Jemand hat eingewendet, "Aberland" sei humorlos; das wäre mir gar nicht aufgefallen, weil ich beim Lesen die ganze Zeit so hingerissen war, wie gut es geschrieben, wie schonungslos es beobachtet und wie leicht es erzählt ist.

Überhaupt wieder mehr gelesen. Waldviertel, kein Fernseher, unwürdiges Osterwetter und das Haus die ersten Tage trotz Kampfheizens so winterkalt, dass man einfach unter der Decke bleiben will. Da kommt der Stapel österreichische Literatur, den man sich mitgenommen hat, gerade recht und Klaus Modicks (ich bin mir unsicher, ob das beabsichtigt ist) sehr komischer Worpswede-Roman "Konzert ohne Dichter". Rilke, haha.

Apropos Dichter. My Girl Petra fragt mich, ob ich mit zu Bob Dylan komme, und obwohl Bob Dylan auch augenblicklich gerade wieder eine zentrale Rolle in meinem Kopfhörer spielt: Nein, zu Bob Dylan gehe ich nicht mehr. Ich möchte Bob Dylan nicht mehr live sehen, aka dabei zusehen, wie er mächtig umnebelt mächtig Freude an der 74. Strophe eines Songs hat, den ich wahrscheinlich kenne, aber nicht identifizieren kann. Seit ich mir einmal in der Stadthalle beim Run Richtung Bühne einen Platz am Bühnenrand errangelt habe, nur Meter von Gott entfernt, der mich dann mit seinem endlosen, gleichzeitig enervierenden und einschläfernden Blues in eine Art Live-Limbus gelangweilt hat, bin ich verzürnt. Dabei bin ich ein Blues-Mädchen, immer schon gewesen, seit ich damals in Schaan Champion Jack Dupree sah, mein erstes Live-Konzert und ein ziemlich nachhaltiger Einstieg. Aber Dylan live, das geht einfach nicht mehr.

Stattdesen habe ich noch Karten für Bilderbuch in der Arena ergattert, halleluja. Das Bilderbuch-Konzert dient auch als pädagogische, um nicht zu sagen disziplinarische Maßnahme, die dem Jungvolk eine Woche nach dem One-Direction-Konzert die Boyband-Zuckerwatte endgültig aus den Ohren und den Gehirnwindungen blasen soll. Es ist Zeit für echten Pop, Kinder, mit Blut, Schweiß und Tränen, gemmas an.

"Gruber geht" läuft übrigens immer noch im Kino. www.dorisknecht.com

Doris Knecht geht nicht zu Bob Dylan, nein


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