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In Graz wachsen und gedeihen die Gemeinschaftsgärten. Dabei geht's nicht bloß ums Gemüse

Steiermark | Gartenschau: Donja Noormofidi und Gerlinde Pölsler | aus FALTER 15/15 vom 08.04.2015


Michael Flach (2. v.l.) verteilt Hochbeete auf die ganze Stadt (Foto: J. J. Kucek)

Michael Flach (2. v.l.) verteilt Hochbeete auf die ganze Stadt (Foto: J. J. Kucek)

Für Dolores war der Garten ein Glücksfall. Eines Tages spazierte die Mittfünfzigerin an den Beeten, Bohnenstangen und Hängematten vorbei und schaute einem Mann zu, der die Hütte für die Kochutensilien reparierte. „In vollster Verzweiflung“ sei sie damals, nach einem Schicksalsschlag, gewesen, wie sie sagt. „Na, Dirndl, kommst rein?“, fragte der Mann. Also setzte sich Dolores auf einen Kaffee zu ihm. Das war im Jahr 2012, seither gartelt sie im Muttererde-Garten auf der Röhre des Plabutschtunnels. Stolz zeigt sie ihr Revier: den „Pool“, einen kleinen Teich mit Seerosen. Eine alte Badewanne fängt das Wasser zum Gießen auf. Von einem Ast fischt sie eine Plastikdose, auf deren Deckel „Post“ steht. Ein Briefchen verspricht „Gulaschsuppe“ für alle.

Ganz nach den Vorbildern New York oder Berlin sprießen auch in Graz seit einiger Zeit die Gemeinschaftsgärten aus dem Boden – ein Dutzend gibt es mittlerweile. Vom Ökohof in Mariagrün, über den Gottesacker mitten im Stadtbezirk Gries, bis hin zur Fachhochschule Joanneum, wo ab Mai ein Gemeinschaftsgarten erblühen soll – überall wird geharkt, gesät und geerntet. Daneben gibt es auch Einzelkämpferinnen wie die Rechbäuerinnen, die, ohne lange um Erlaubnis zu fragen, auf einem Fleckchen Grün in ihrer Straße ein Beet angelegt haben und nun expandieren wollen. Oder das Projekt Annengrün, bei dem Viertelbewohnern in Workshops das Garteln ohne eigenen Garten nähergebracht wird. Vielen Gemeinschaftsgärtnern geht es dabei nicht bloß um frisches und günstiges Gemüse. Dahinter steckt oft auch ein politischer und sozialer Gedanke, es geht um die Ermächtigung der Menschen vor Ort, um Kommunikation und ums Teilen und um die Frage: Wem gehört die Stadt? Die einzelnen Gärten sind durchaus sehr verschieden, dennoch haben sie auch einiges gemein: Die meisten sind sehr offen, sie werden mit viel Idealismus betrieben, und alle wünschen sich von der Stadt vor allem eines: mehr Unterstützung.


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