Kunst Kritik

Rituale und Rhapsodien mit rechten Winkeln

Lexikon | NS | aus FALTER 15/15 vom 08.04.2015

Was ist das? Wofür soll das gut sein?", fragt der von Kopf bis Fuß weiß gepuderte Yogi zu der rechteckigen Platte, die ihm der Ausländer mitgebracht hat. In seinem so witzigen wie klugen Video "Making Sense out of Abstraction" hat Kay Walkowiak indische Asketen nach ihrem Blick auf seine reduzierte Kunst befragt. Die Reaktionen der Weisen passen teils erstaunlich gut zu den tiefschürfenden Problemen des Minimalismus. Kuratorin Sabine Folie hat Arbeiten von Kay Walkowiak und Anna-Sophie Berger für ihre Schau "Abstraction Rhapsody" im Offspace wellwellwell ausgewählt. In der Musik steht die Bezeichnung Rhapsodie für mehr formale Freiheit, oft mit Anleihen bei der Volksmusik. Walkowiak transferiert Minimal Art in ungewöhnliche Kontexte, so auch in seinem Video "Ritual Union". Dort fährt die Kamera durch ein strahlend weißes, menschenleeres Gebäude, das einem Shoppingcenter gleicht. Acht Athleten in roten Turnanzügen tauchen auf und stellen sich rund um eine Fläche am Boden auf. Die Mannschaft vollführt keine Übungen darauf, sondern legt in einem präzisen Ablauf rechteckige Platten auf, sodass eine abstrakte Komposition entsteht.

Anna-Sophie Berger hat 2013 die Modeklasse der Angewandten abgeschlossen. Sie geht Probleme des Minimalismus mit der Schere an, wenn sie in "Could be a scarf (for Aline)" ein blitzblaues Stück Stoff an die Wand hängt. Die Mitte ist herausgeschnitten, so dass nur eine Art Rahmen übrigbleibt. Neben gefalteten und am Galerieboden aufgelegten Stoffbahnen, stellt die Künstlerin in "Albert" auch die verpackten Holzbretter eines billigen Ikea-Regals aus - auch ein Werkstoff für Kunst? Daneben läuft Walkowiaks Video "The City Beautiful", eine in meditativen Standbildern gefilmte Reise in Le Corbusiers indische Planstadt Chandigarh, wo der Beton seit den 1950ern Patina ansetzt.

wellwellwell, bis 18.4.


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