Bei ihm

Eine neue Bar in einer Gegend, wo sonst eher keine neuen Bars sind

Stadtleben | Lokalkritik: Florian Holzer | aus FALTER 15/15 vom 08.04.2015


Foto: Heribert Corn

Foto: Heribert Corn

Matthias Habringer kommt aus Steyr, wohnt seit drei Jahren in der Panikengasse und musste irgendwann einmal bemerken, dass es da rundherum aber so was von kein ordentliches Lokal gibt, dass es kaum auszuhalten ist. Und man daher selbst eines machen müsse.

Das ist gut, denn der junge Mann widersprach damit zwei der ehernen Grundregeln in Wiens Gastronomie, die da lauten: „Mache nie etwas selbst, sondern warte, bis es wer anderer macht“ und „Wenn du doch was selbst machst, dann nur dort, wo es auch die anderen machen“. Aber die kannte Matthias Habringer vielleicht nicht (was nach Jahren in Bernd Schlachers Kunshallen-Café und im Daun-Kinsky-Clubbing aber eher unwahrscheinlich ist), oder sie waren ihm einfach egal. Denn der Platz, an dem er vor drei Monaten sein kleines Wohnzimmer-Ecklokal mit dem programmatischen Namen „Bei mir“ eröffnete, ist definitiv kein schlechter: breite, helle Gassen mit minimalem Verkehr, ein paar schöne, alte Fabriksgebäude rundherum, der grüne Wilhelminenberg in spürbarer Nähe – so, wie Ottakring eben auch sein kann.

Das „bei mir“ zu beschreiben fällt nicht leicht. Und zwar weniger, weil es sich den Kategorien entziehen würde, sondern schlicht und ergreifend, weil das „Bei mir“ so wahnsinnig dunkel ist, dass man kaum was sieht.

Was man bei Ausnutzung aller Kerzerln und der paar Schwachstrom-Glühfadenlampen, die von der Decke hängen, aber feststellen kann, ist Folgendes: ein kleiner Bar-Raum, der gut besucht ist, ein kleines Stübchen, das auch gut besucht ist, ein Sofa-Salon, der sich erst im Lauf des Abends füllt, recht viele Eames-Chair-Replicas und ein paar als Regale verwendete, kleine Holzkisten an der Wand. Sehr schlicht, nicht unangenehm, softer Jazz und Swing dringen ins Dunkel der Räume.

Auf der Karte des kleinen Lokals findet man recht viel: Kaffee der niederösterreichischen Rösterei Petrus, Tee von Demmer, selbstgemachte Limonaden (die in Marmeladegläsern serviert werden), Smoothies und Eistees, ein paar ordentliche Schankbiere (Augustiner, Schladminger, Freistädter) sowie ein paar erfreuliche Craft Beers, unter anderem von Xaver aus der unmittelbaren Nachbarschaft. Und natürlich jede Menge Cocktails der eher klassischen Art, sehr gut gemixt, wie Auskenner bestätigen.

Außerdem gibt es ein bisschen was Essbares. Dem wollte Matthias Habringer eigentlich keine so große Aufmerksamkeit widmen, jetzt ist er laut eigener Aussage ein wenig überrascht, wie viele Leute die (eh braven) Toasts und (nicht weiter erwähnenswerten) Antipasti-Platten nehmen würden. Weil er nämlich die Grundregel „Wenn die Leute trinken, wollen sie auch essen“ vergaß. Gutes, originelles Bar-Food ist keine Kunst und macht auch nicht mehr Arbeit als Toasts und Öl-Gemüse, da könnte „Bei mir“ noch Punkte machen. Zumindest bei mir.

Resümee:

Eine bezaubernde, kleine und recht finstere Neighbourhood-Bar auf barmäßig jungfräulichem Ottakringer Boden.

Bei mir
16., Speckbacherg. 47/Seeböckg.
Tel. 0650/366 67 00
Di–Do 16–24, Fr, Sa 16–2 Uhr
www.beimir.at


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