Meinesgleichen

Erinnerung an Gail Gatterburg

Falter & Meinung | aus FALTER 15/15 vom 08.04.2015

Die Sängerin und Schauspielerin Gail Gatterburg, geborene Curtis, spielte in Fernsehserien (die bekannteste: Pevny/Turrinis "Alpensaga"), wirkte unter anderm bei der Uraufführung von Otto M. Zykans "Singers Nähmaschine ist die beste" mit, trat an verschiedenen Wiener Theatern auf und tourte jahrelang mit Jerôme Savarys Grand Magic Circus. Ihre großartige Stimme hätte ihr gewiss eine Karriere als Opernsängerin eröffnet. Ihren Eltern zuliebe studierte sie Gesang, auf Anraten Zubin Mehtas kam sie nach Wien und Budapest. Aber für die Hochkultur war sie schon verloren; sie spielte lieber als Gründungsmitglied in Ellen Stuarts legendärem New Yorker Avantgardetheater La Mama und sang 1966 in San Francisco im ersten Anti-Vietnam-Musical (Autor Country Joe McDonald) die Rolle einer Puffmutter. Bis zu deren Tod korrespondierte sie mit der Nobelpreisträgerin Doris Lessing.

Seit gemeinsamen Theaterversuchen in Dieter Haspels Cafétheater war ich mit ihr befreundet. Gail verbarg ihre Warmherzigkeit gern hinter Sarkasmus, sie war eine wunderbare Köchin, witzige Erzählerin und begeisterte Raucherin, zum Entsetzen von Pflegerinnen selbst in Reha-Krankenhäusern. Wenn sie zu einem sagte, "komm her, altes Schnitzel", wusste man, man hatte etwas richtig gemacht. Ihr Leben reflektierte sie in einigen Liederabenden, die man auch in der Drachengasse hören konnte. Sie gab da, wie Franz Schuh einmal bemerkte, Popsongs ihre Würde zurück. In der Karwoche starb Gail in einem Wiener Krankenhaus.

* Harald Friedl hat einen Dokumentarfilm über Gail Gatterburg gedreht: "Mein Leben als Apfelbaum"(A 2012)

* In Falter 21/2005 erschien ein Porträt Gail Gatterburgs


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