Film Neu im Kino

Langsamer Sommer: Böttchers "Jahrgang 45"

Lexikon | M O | aus FALTER 15/15 vom 08.04.2015

Prenzlauer Berg 1965. Ein langsamer Sommer in der Großstadt. Alfred, von Beruf Kfz-Mechaniker, hat frei. Lisa, seine Frau, ist Säuglingsschwester und muss zur Arbeit. "Komm doch her", sagt er, am helllichten Tag aufs Bett hingefläzt. Lisa jedoch macht sich fertig und geht. Es kriselt wohl schon länger in der Ehe der beiden.

Jetzt hat Alfred, genannt Al, die Zeit ganz für sich allein. Mogul, sein alter Nachbar, kommt zu Besuch zum Frühstück. Dann streunt Al durch die Stadt, schaut jungen Frauen nach, trifft sich mit den Jungs von der Motorradclique von früher und beginnt mit einer Blondine namens Rita zu flirten.

Viel mehr passiert eigentlich nicht in "Jahrgang 45", dem anno 1965 gedrehten, ersten und letzten Spielfilm des großen Dokumentaristen Jürgen Böttcher. Im Jahr darauf, nach Ansicht des Rohschnitts, wurde der halbfertige Film vom elften Plenum des Zentralkomitees der SED wegen seiner "Heroisierung der Abseitigen" und "gegen die sozialistische Gesellschaft gerichteten" Aussagen verboten. Wie übrigens noch elf weitere Spielfilme der DEFA, mithin fast die gesamte Jahresproduktion.

So schwierig diese Zensurentscheidung heute nachzuvollziehen ist, so frei atmen die Bilder des tief in der Tradition des Neorealismus und der tschechischen Neuen Welle verwurzelten Films. Schon allein der Umstand, dass Böttcher und sein Co-Autor Klaus Poche ein paar "Halbstarke" zu Protagonisten machten, war ein Affront. "Wir haben gedacht", bekommt Al von einem Vorgesetzten später mal die Leviten gelesen, "ein guter Arbeiter ist auch ein guter Ehemann."

Erst mit 25 Jahren Verspätung wurde "Jahrgang 45" fertiggestellt und bei der Berlinale 1990 uraufgeführt. Nun wird die unter maßgeblicher Beteiligung von Kameramann Roland Gräf erarbeitete Digitalrestaurierung von 2015 erstmals in Wien gezeigt.

Ab Fr im Stadtkino im Künstlerhaus


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