Nachgetragen Journal mehr oder weniger bedeutender urbaner Begebenheiten

Die letzten Tage vor Kriegsende: eine Ausstellung am Heldenplatz

Politik | Barbara Tóth | aus FALTER 15/15 vom 08.04.2015

Was geschah vor 70 Jahren am 8. April, dem Erscheinungstag dieser Falter-Ausgabe?

Noch war der Zweite Weltkrieg nicht beendet, aber die Rote Armee hatte schon den Wiener Gürtel erreicht. In Krems-Gneixendorf wird eines der größten Kriegsgefangenenlager des Großdeutschen Reiches geräumt. Mehrere tausend Franzosen, Belgier, Serben, Polen, Briten, Rotarmisten und Italiener müssen in langen Kolonnen nach Westen in ein anderes Lager in Braunau ziehen, wo sie Anfang Mai von der US-Armee befreit werden.

Am Floridsdorfer Spitz werden die Wehrmachtsoffi ziere Major Karl Biedermann, Hauptmann Alfred Huth und Oberleutnant Rudolf Raschke hingerichtet. Sie hatten heimlich mit der Roten Armee Kontakt aufgenommen, um Wien kampflos zu übergeben. "Ich habe mit den Bolschewiken paktiert!", steht auf den Plakaten, die an ihren Leichnamen hängen.

Ereignisse wie diese lassen sich seit Kurzem tagtäglich auf Facebook und auf Twitter unter dem Schlagwort "41 Tage" nachverfolgen. 41 Tage waren es nämlich, die zwischen dem Grenzübertritt der Roten Armee am 29. März und dem offi ziellen Kriegsende am 8. Mai lagen. Initiiert wurde dieses spannende Zeitgeschichteprojekt von einer Gruppe von Historikerinnen rund um Heidemarie Uhl. Sie ist Spezialistin für das Thema Erinnerungskultur. Uhl hinterfragt, wie eine Gesellschaft ihre Vergangenheit interpretiert. "Das Kriegsende wird immer noch stark mit Bombenopfern und Vergewaltigungen assoziiert. Wir wollen andere Geschichten in Erinnerung rufen", sagt die Historikerin. Die Lynchjustiz an amerikanischen GIs etwa. Oder die systematische Ermordung von Juden und Kriegsgefangenen. Historiker nennen diese kurze, schreckliche Periode "Endphaseverbrechen".

Ab 16. April gibt es die Ausstellung "41 Tage. Verdichtung der Gewalt" dann auch - ganz klassisch - in Form von Fotografien auf zwölf Litfaßsäulen und in der Krypta auf dem Wiener Heldenplatz zu sehen.


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