Vor 20 Jahren im Falter

Der Fortschritt

Wie wir wurden, was wir waren

Falter & Meinung | AT | aus FALTER 16/15 vom 15.04.2015

Vor 20 Jahren musste man offenbar noch klarstellen, dass die Justiz kritisiert werden darf, ja muss. Rechtsanwalt Richard Soyer hielt dies aus gegebenem Anlass zeitgeschichtlicher Aufarbeitung fest und resümierte: "Zu hoffen ist nicht nur, dass Kritik fair bleibt, sondern auch, dass ein neues, zeitgemäßes Profil für den Umgang mit Kritik von der Justiz verstärkt in Anspruch genommen wird." Soll heißen, die Justiz soll auch einzustecken lernen. Hier hat sich, sowohl was das Austeilen als auch was das Einstecken betrifft, wohl einiges gebessert. Wenn auch noch lange nicht alles.

Die ÖVP sah sich wieder einmal auf dem Weg der Besserung, hatte sie doch soeben ihren Obmann Erhard Busek abmontiert und durch Wolfgang Schüssel ersetzt. Damit sei, so Kommentator Peter Pelinka, "ein Kurswechsel nach rechts" verhindert und "dem Abenteurertum entsagt" worden. So kann man sich täuschen!

Ein Rückblick des Historikers Siegfried Mattl auf die Befreiung Wiens 1945 zeigt, dass es so etwas wie Erkenntnisfortschritt doch gibt. Mattl polemisierte gegen die Sicht der meisten Medien, deren Berichte in "triviale, aber unterhaltende Alltagsgeschichten und bedeutungsschaffende staatsmännische Handlungen" zerfielen und so die politische Realität verkürzten.

Hier noch zwei Alltagsgeschichten. In einer Story von Bernhard Odehnal über das fehlende kommunale Wahlrecht für EU-Bürger in Wien wurde eine junge Frau folgendermaßen vorgestellt: "Politisch aktiv möchte auch Maria Vassilakou, gebürtige Griechin und seit neun Jahren in Wien, werden. In den letzten zwei Jahren lernte die 26-jährige diplomierte Sprachwissenschaftlerin als Ausländerreferentin der Hochschülerschaft vor allem den Umgang mit Bürokratie und ÖH-Funktionärsclique." Heute ist sie Vizebürgermeisterin.

Zweite Alltagsgeschichte, die Titelstory. Klaus Nüchtern verfasste ein empathisches Porträt der TV-Journalistin Elizabeth T. Spira. Sie habe sich mit ihren "Alltagsgeschichten" eine "Enklave im ORF erarbeitet, die Unterhaltung und Kontroverse souverän verbindet".


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