Enthusiasmuskolumne

Triumph des Künstlers über den Entertainer

Diesmal: der beste Udo-Jürgens-Song der Welt der Woche

Feuilleton | Gerhard Stöger | aus FALTER 16/15 vom 15.04.2015

An erinnerungswürdigen Konzerten herrschte 2014 kein Mangel. Ich habe Andreas Spechtl solo im Rhiz gesehen, die Pet Shop Boys mit prächtigem Firlefanz in der Staatsoper und Kraftwerk gleich viermal mit letztlich eh tollem 3-D-Quatsch im Burgtheater. Die wunderbare Miley Cyrus hätte mich in der Stadthalle beinahe angespuckt, und bei der Wanda-Albumpräsentation im Chelsea bin ich einem Fußtritt des ausgelassen crowdsurfenden Sängers nur um Zentimeter entkommen.

Für den einen herausragenden Livemoment 2014 sollte aber ein alter Knacker sorgen, noch deutlich älter als Kraftwerk. 5. Dezember, Udo Jürgens in der ausverkauften Stadthalle Wien. Ein mitreißender, berührender, schöner Konzertabend. Das allerdings war nicht überraschend, sondern zu erwarten gewesen. Der prächtigste Song des Abends aber, der Livemoment des Jahres 2014, er überraschte durchaus. Denn eigentlich zählt "Griechischer Wein" zu jenen Udo-Jürgens-Songs, die gar nicht gehen; er wurde längst zu Tode geschunkelt in Bierzelten und geschändet auf studentischen Schlagerpartys.

Doch Udo der Große hat sich das Lied unter dem gefälligen Hit-Arrangement zurückerobert. Deutlich ver langsamt angelegt, war da anfangs kaum Melodie, sondern nur ein behutsam modulierter Ton, gespielt vom Synthesizer, den Streichern oder auch den Bläsern. Und darüber die sonore Stimme: "Es war schon dunkel, als ich durch Vorstadtstraßen heimwärts ging." Gänsehaut! Der Triumph des Künstlers über den Entertainer!

Minutenlang ging das so, erst gegen Ende kippte der Song kurz in die Originalversion. Zwei Tage später gastierte Udo Jürgens in Zürich, es sollte sein letztes Konzert werden. Der Mitschnitt davon ist kürzlich als CD und DVD erschienen - inklusive "Griechischer Wein".


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