Das Messing-Ding

Wenn plötzlich aus einem seltsamen Café was ganz anderes wird

Stadtleben | Lokalkritik: Florian Holzer | aus FALTER 16/15 vom 15.04.2015


Foto: Heribert Corn

Foto: Heribert Corn

Kennt wer das Café Offline? Beziehungsweise: Kannte es wer? Schwer zu beantworten, weil dieses Kaffeehaus in der Neumanngasse doch immer wieder länger leer stand und wenn es offen war, dann immer unter anderem Namen. Erzählen Leute, die es zumindest von außen kannten.

Auch die Innenarchitektin Elisabeth Troger kannte das Lokal nicht, „aber es hat auf mich gewartet“, sagt sie, weshalb sie es vergangenen November übernahm. Jetzt muss man sagen, dass das ehemalige Café Offline nicht unbedingt das hübscheste Café der Stadt ist, beziehungsweise, dass wahrscheinlich so vor 30 Jahren ordentlich Geld hineingesteckt wurde, um es „hübsch“ zu machen, man über den Erfolg dieser Aktion allerdings streiten kann: ein Traum in Furnier, ein Messing-Paradies in Pseudo-Jugendstil, das sich vor allem in einer eindrucksvollen Messinglaube über der Schank äußert, eine güldene Statue, die den Inhalt einer Amphore entleert, fließende Vorhänge in goldenem Samt. Wow. Schluck.

Es sei ihr ein Bedürfnis gewesen, das Lokal so zu lassen, „weil das ist die Seele dieses Lokals“, sagt Frau Troger, „wir haben genug daran verändert, dass es für uns passt“. Okay, und nicht nur für sie, wie es scheint, denn die Leute, die es davor nur von außen kannten, sitzen jetzt drinnen. Und viele andere auch, konkret kann man sagen, dass Das Wieden mittags voll ist.

Was aber vielleicht weniger an der Gestaltung liegt, sondern daran, dass man da jetzt so gut essen kann. So gut, dass sich wissende Gäste sicherheitshalber das Mittagsmenü reservieren lassen, weil es nach einer bis eineinhalb Stunden gerne schon ausverkauft ist. Etwa wenn Jamaikanisches Plantation-Steak mit Curcuma-Kartoffeln und sautierten Okraschoten auf der Karte steht, aus dem Bio-Beiried geschnitten und mit Suppe um 8,20 Euro verkauft. Oder hausgemachte Fischstäbchen vom Kabeljau auf Bärlauch-Cremespinat mit Pommes frites, ebenfalls hausgemacht.

Der Mann, der so etwas zubereitet, heißt Marcus Gan, hat schon auf der ganzen Welt gekocht, darunter auch beim langjährigen Steirereck-Souschef Manuel Ressi am Pressegger See in Kärnten, und sein Motto lautet einfach: „Ich will überraschen“. Das tut er tatsächlich, nämlich wenn er da nicht nur die unglaublichsten Mittagsgerichte der Stadt rausschießt, sondern auch noch eine Wochenkarte, auf der Dinge wie Trio vom Lamm auf Auberginenkaviar, getrüffeltes Petersilwurzelrisotto mit geschmortem Kalbsvögerl oder konfiertes Kaninchen und knuspriger Schweinebauch mit Karfiolcreme, Ras el-Hanout und knuspriger Hühnerhaut stehen. Was dann übrigens extrem gut war, die Hühnerhaut vielleicht nicht gebraucht hätte, aber um diesen Preis wird man in Sachen Kreation und Handwerklichkeit vielleicht nicht viel Vergleichbares finden (€ 12,90). Und das im Messing-Paradies. Wirklich sehr überraschend.

Resümee:

Ein vergessenes Kaffeehaus von zweifelhafter Optik, in dem einigermaßen unbemerkt ganz schön groß aufgekocht wird.

Das Wieden
4., Neumanng. 4
Tel. 01/503 26 59
Mo–Fr 9–21 Uhr
www.das-wieden.com


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