Fragen Sie Frau Andrea

Geheimnisvolle Radiozahlen

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Kolumnen | aus FALTER 16/15 vom 15.04.2015

Liebe Frau Andrea,

Ende der 60er, Anfang der 70er, ich hatte eben ein funkelnagelneues Radio als Geschenk bekommen. Beim Spielen mit den vielen Kanälen entdeckte ich etwas sehr Seltsames: einen Kanal, wo in eintöniger Stimme, ununterbrochen und in deutscher Sprache, Zahlen vorgelesen wurden. Eine Zeitlang habe ich mitgeschrieben, konnte aber keine Regelmäßigkeit feststellen. Noch heute bin ich neugierig, was das wohl war, können Sie helfen? Herzliche Grüße aus dem 7. Bezirk, Ingeborg Mayer, per E-Mail

Liebe Ingeborg,

auch anderen Radiobenutzern dieser Zeit blieben die seltsamen Botschaften aus dem Äther nicht verborgen. Nächtelang kritzelten Teenager und Alleinstehende Zahlenreihen auf, um hinter das Geheimnis der Ziffernsalate zu kommen. Noch heute tauschen sich Interessierte in einschlägigen Internet-Foren über das Thema aus. Ihr Fokus ist indes nur mehr historischer Natur. Ist doch die große Zeit der Zahlensender vorbei.

Ihre Blüte erlebten die kryptischen Kurzwellen-Radiosendungen während des Kalten Krieges. In der Regel handelte es sich um individuelle Kurznachrichten an Agenten und Angehörige diplomatischer und militärischer Dienste. Für Spione hinter feindlichen Linien war es einfacher und unauffälliger, ein Kurzwellenradio mit sich zu führen, als hochtechnische Ausrüstung zu betreiben.

In der Regel sendete ein Zahlensender zur vollen Stunde. Nach fünfminütiger Wiederholung einer Signation folgte eine Durchsage der Dienstnummern der angesprochenen Agenten, jeweils gefolgt von einer Information, wie viele Zahlengruppen diesen zugeordnet waren.

Chiffriert wurde in Fünfer-Zifferngruppen, die jeweils unmittelbar wiederholt wurden. Zum besseren Verständnis wurde in einem bestimmten Rhythmus gerappt, meist unter Betonung der dritten und fünften Ziffer.

Die Ziffern selbst wurden ganz typisch ausgesprochen: Ains, zwo, drai, vi-ärr, fün-nef, sechs, sie-ben, acht, noi-en, nuhl. Nach dem Notat wurde die Nachricht von den Agenten mithilfe eines individuellen Schlüsselbands dechiffriert. Eine typische Botschaft dieser Zeit etwa lautete: "29 - Brief 17.2 erhalten, Inhalt gut, weiter so. Gruß."

So war das. Kalter Krieg. Kühle Zahlen.


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