Selbstversuch

Bald werdet ihr alle Kimchi essen

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 17/15 vom 22.04.2015

Wieder einmal Berlin. Man ist mit einem hotspotkundigen Berliner zum Lunch verabredet. Er schickt eine Facebook-Message, 13 Uhr, kennst du das Dings, Ecke Rosenthaler und Alte Schönhauser?

Nein. Und habe ich schon einmal erwähnt, dass ich Orientierung gar nicht so gut kann? Eine massive Panik vor irrtümlichem Datenextremroaming macht speziell im Ausland die Sache nicht besser. Aber man kann ja im Hotel schnell googeln und findet das Lokal (schick, viereinhalb Bewertungssterne), geht dann los, findet die Alte Schönhauser, findet die Neue Schönhauser, findet die Rosenthaler, aber keine Ecke Rosenthaler/Alte Schönhauser (no na, weil es die nicht gibt, was man aber nicht weiß), und es ist bereits fünf vor eins, und man hat keine Ahnung, wo man hin soll, links oder rechts, und jetzt ruft auch noch jemand an, und während man nervös die Ecke Neue Schönhauser und Rosenthaler abhoppelt und telefoniert, erblickt man visà-vis das Dings.

Erstens nie mich an Adressen schicken, die als solche nicht existieren.

Zweitens ist es Selbstbedienungsrestaurant, im gediegenen Starbucks-Look, mit scheißebraun furnierten Stehtischchen und Barhockern, urgemütlich. Ich verstehe nicht die Liebe der Menschen zum Selfservice. Ich verstehe nicht, wieso man freiwillig in ein Selbstbedienungsrestaurant geht und sich dort für eiskalten Salat mit Hühnerstreifen im Plastikreindl anstellt, wenn es an allen Ecken wunderbare Lokale gibt, in denen man warmes Essen auf Porzellantellern an Tischen mit Sesseln serviert bekommt. Aber kuckstu, alter Osten, in und vor dem Selbstbediener alle Tische besetzt und die Schlange endlos.

Den Berliner kann ich nicht entdecken. Überhaupt, wie ist die Treff-Etikette in einem Selbstbedienungslokal, holt sich der Ersteintreffende schon einmal was, sucht sich einen Tisch und wartet mit welkendem Essen, bis der andere kommt? Oder setzt man sich erst einmal ohne alles an einen Tisch und lässt sich von Personal und ordnungsgemäß tablettbeladenen Tischsuchenden schief anschauen, quasi illegaler Tischbesetzer? Was ist, wenn auf dem Tisch eine Wohnungsbesichtigungsmappe liegt, ist das wie ein Handtuch auf einer Strandliege, also besetzt, kommt gleich wer und verscheucht einen und man muss sich mit hochrotem Schädel hinten anstellen, oder wurde die Mappe einfach liegengelassen? Hinsetzen, wieder aufstehen, woanders hinsetzen, angestarrt werden, wieder aufstehen, vor dem Lokal auf und ab gehen, angestarrt werden, 20 furchtbare Minuten lang.

Der Berliner kam nicht. Ich stellte mich in die Schlange, kaufte um viel Geld einen eiskalten Salat in Wegwerfplastik und damit Zugang zum WLAN, so erfuhr ich endlich, dass der Berliner via FB längst abgesagt hatte, schwieriger Kunde dazwischengekommen, sooo sorry.

Ich ging dann in einen Koreaner und bekam eine heiße Kimchisuppe (Kimchi: Dafür werdet ihr euch bald anstellen) an meinen Tisch serviert. War gut.

Doris Knecht versteht die Liebe zur Selbstbedienung nicht


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