Vor 20 Jahren im Falter Wie wir wurden, was wir waren

Liebenswürdig

Falter & Meinung | AT | aus FALTER 17/15 vom 22.04.2015

Der Falter war absolut up to date im April 1995. Ein Special beschäftigte sich mit dem Thema Internet, Falter-Redakteur Thomas Seifert beschrieb die Konsequenzen von Hyperdemocracy: mehr Entscheidungsmöglichkeiten, aber auch "eine Verbreiterung des Agitationsfeldes für Populisten". Irrtümer waren sozusagen programmiert; durch cybercash.com sollte "der Zahlungsverkehr sicherer werden". Der engagierte Computerexperte Kurt Fuchs rief dazu auf, die digitale Kommunikation zu verschlüsseln. Hätten wir nur auf ihn gehört!

Ein linker Terroranschlag erschütterte die Szene und gab der Rechten Auftrieb; unter einem Strommasten südlich von Wien fand man die Leichen zweier Anarchos aus dem Ernst-Kirchweger-Haus, die versucht hatte, die Starkstromleitung nach Wien zu sprengen. Die Rechte triumphierte. Es gab nicht nur völkisch motivierte Terroristen.

Ein Highlight der Ausgabe war ein Gespräch zwischen Josef Hartmann, dem Missbrauchsopfer des Kardinals Hans Hermann Gröer, und Hermes Phettberg. Ein kleiner Auszug.

"Sagten Sie eigentlich Sie zu ihm während der Schulzeit?

Ja, anfänglich schon.

Also Zungenkuss und dann trotzdem ,per Sie'?

Im Geheimen ,du', vor der Klasse ,Sie'. Das schuf ja eine gewisse subversive Kumpanei zwischen Ihnen und Gröer, und die hat sich dann völlig aufgelöst?

Nach der Hollabrunner Zeit hat sich der Kontakt sehr reduziert. Und ich bin dann in eine enorme Einsamkeit gefallen, während der Priesterseminarzeit, weil diese Beziehung weg war. Daraufhin hatte ich dann auch diesen physischen Kollaps, weil meine Seele so besetzt war von dieser Beziehung, ist dann auch mein Körper zusammengebrochen.

Ist es also doch auch eine Liebesgeschichte?

Nein. Sicher nicht. Ich möchte aber auch nicht seine Liebenswürdigkeit unterschlagen, die er zweifellos auch hat und damals auch hatte. Ich möchte diesen Mann nicht dämonisieren."


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