Fragen Sie Frau Andrea

Grätz und Grätzel: reizendes Städteklein

Kolumnen | Andrea Maria Dusl | aus FALTER 17/15 vom 22.04.2015

Liebe Frau Andrea,

als jahrelanger Leser des Falter, aber als Nichtwiener nur mangelhaft mit dem Wienerischen vertraut, erlaube ich mir hiermit, als jemand, in dessen Schulzeit diese Sprache noch nicht Unterrichtsgegenstand war und Wien geografisch nur als in Bezirke mit vorgegebenen Postleitzahlen eingeteilte Bundeshauptstadt gelehrt wurde, Sie um Auskunft über den Begriff des "Grätzel" und dessen geografische Wien-Verteilung zu bitten. Mit liberté, egalité und fraternité!

Herbert Knapp, St. Georgen am Längsee, per E-Mail

Lieber Herbert,

wo liegen die Grätzel, jene ungenau begrenzbaren Stadträume, die in anderen großen deutschsprachigen Städten schon ganz anders heißen - in Berlin, Hamburg oder Hannover bekanntlicherwiese Kiez, in Köln Veedel. Eine spürbare Konjunktur dürfen wir momentan dem Karmeliter-und dem Volkertviertel im zweiten und dem Servitenviertel im neunten Bezirk bescheiden, etwas ruhiger geht es im Freihaus-und Schleifmühlviertel im vierten Bezirk zu. Als saturiert gelten der Spittelberg und jene Gebiete im siebenten Bezirk, die inzwischen als Boboville firmieren. Naschmarkt und Bermudadreieck befinden sich urbanistisch gesehen in Narkose.

Der Name Grätzel, in den 1970ern von Erhard Busek und seinen bunten Vögeln ausgegraben, wird gerne vom mittelhochdeutschen "Gereiz", verwandt mit dem Verb "reißen", in der Bedeutung "Umkreis" abgeleitet. Eine undeutliche Bestätigung dieses möglichen Ursprungs liefert die Bezeichnung "Gereut" für Wüstungen aus dem 14. Jahrhundert in den Gegenden um den Heumarkt und beim Stubentor.

Größere Wahrscheinlichkeit für die Herkunft des Begriffs Grätzel hat aber eine andere Etymologie. Im Slawischen bezeichnet "grad" Burg oder Stadt, allgemein eine eingefriedete Fläche. Verwandte Wörter sind unser Garten sowie der englische yard (Hof). Die Verkleinerungsform zu grad ist gradec, der befestigte Ansitz, Ort, die kleine Burg. Im slawisch-deutschsprachigen Übergangsraum führte das zu Formen wie Graz, Gratz, Grätz. Die Wiener Bezeichnung Grätzl, Grätzel, Gretzel ist nichts anderes als die Verkleinerung dieser Verkleinerung -und damit das, was woanders das Viertel ist, das Quartier, der Borgo, der Barrio, die Neighbourhood.

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft


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