Enthusiasmuskolumne Diesmal: Die beste Camera obscura der Welt der Woche

Schiffskino ahoi: Die Wachau als Peepshow

Feuilleton | Matthias Dusini | aus FALTER 17/15 vom 22.04.2015

Es ist ein kleines Kunstwunder. Wer die Rollfähre über die Donau im Wachauer Ort Spitz betritt, entdeckt den Hinweis: "Camera obscura von Olafur Eliasson". Was macht der durch große Ausstellungen in internationalen Museen bekannt gewordene isländische Künstler auf dieser unscheinbaren Autofähre?

Der Passagier betritt einen kleinen, dunklen Raum und sieht die Bilder von Eliassons Camera obscura. Dieses einfache optische Gerät macht sich die Tatsache zunutze, dass Licht, das durch eine winzige Öffnung in einen abgedunkelten Raum fällt, auf der Wand ein Bild erzeugt. Eliasson hat zwei Öffnungen gebohrt, sodass zwei Bilder auf der Wand auftauchen. Die eine Camera blickt nach vorne in Fahrtrichtung, die andere nach hinten.

Die Frühlingssonne bringt die Flusswellen zum Glitzern, am Ufer sieht man die Autos vorübergleiten. Ein Reiher fliegt flussaufwärts, und in der Ferne strahlt ein weiß blühender Baum. Es ist Sonntag und viele Ausflügler fahren in das Donautal, das für seine Marillenblüte bekannt ist. Manche machen mit dem Rad oder Auto eine Rundfahrt und landen auf der Fähre in Spitz - und in Eliassons Naturpeepshow. Unversehens verlässt der Reisende die Wirklichkeit und taucht in eine Illusion ein. Filmbilder huschen über die Wand, als würde die Überfahrt einem Drehbuch folgen. Die Wahrnehmung als Apparat, von der Medientheoretiker gerne sprechen, lässt sich hier als spielerische Versuchsanordnung erkunden.

Während Olafur Eliasson für seine Projekte gewöhnlich riesige Budgets zur Verfügung stehen, hat er hier aus wenigen Brettern eine kleine Sensation gebaut. Die von Kitschfilmen zum Klischee reduzierte Landschaft der Wachau gewinnt in Eliassons Camera obscura ihren Zauber zurück. Erhabenheit ist eine Peepshow in Spitz.


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