Mediaforschung Verführungskolumne

Was zählt schon die Story, wenn man die Chefs plakatieren kann

Medien | Benedikt Narodoslawsky | aus FALTER 18/15 vom 29.04.2015

Magazinmacher Wolfgang Fellner ließ sich 2006 mit geschlossenen Augen plakatieren. "Ich habe einen Traum. Österreich wird neu". Er warb für seine neue Qualitätszeitung, es solle das österreichische Gegenstück zur Süddeutschen Zeitung werden. Kurz darauf erschien Fellners erste Ausgabe des Druckwerks, es hieß Österreich. Vom Wort "Qualität" blieben nur die ersten vier Buchstaben.

"Wer sagt eigentlich, dass Schreiben ungefährlich ist?", stand 2008 auf einem Sujet der Presse, darauf zu sehen der damalige Chefredakteur Michael Fleischhacker mit Pflaster über dem Aug. Er inszenierte sich als wagemutiger Kämpfer gegen die Mächtigen. Tatsächlich war das Gefährlichste, das dem Mann drohte, eine Sehnenscheidenentzündung von der kaputten Tastatur.

2012 folgte die legendäre Kurier-Kampagne "Redakteure to go". Der Kopf von Chefredakteur Helmut Brandstätter steckte in einem Papiersackerl. Offiziell ging es um ein Gewinnspiel, bei dem Leser ein Treffen mit ihren "Lieblingsredakteuren" (wie geil!) gewinnen konnten. Inoffiziell ging es erneut darum, den eitlen Chef zu plakatieren.

2015. Das österreichische Jahr der Medienumbrüche. Die Konstante ist Profil-Chefredakteur Christian Rainer, der sich immer noch für jeden Profil-Spot vor die Kamera wirft. Die News-Kampagne zeigt wiederum die neue Chefredakteurin Eva Weissenberger.

Grundkurs Journalismus, erste Stunde: Redakteure sollen ihre Geschichten nach vorne rücken, nicht sich selbst. Man wünscht sich, dass einen jemand da rausholt.


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