"Versailles war einfach nicht drin"

Der Film "A Little Chaos" zeigt Alan Rickman in einer Doppelrolle: als Darsteller und Regisseur

Lexikon | Interview: Michael Omasta | aus FALTER 18/15 vom 29.04.2015


Foto: Tobis Film

Foto: Tobis Film

Der englische Schauspieler Alan Rickman hat spät zum Kino gefunden. Er war längst Mitglied der Royal Shakespeare Company und spielte Theater, bevor er 1988 erstmals in einem Film mitwirkte. Sein spektakulärer Sturz vom Dach des Hochhauses in „Stirb langsam“ erwies sich als glücklicher Karrieresprung, denn seither steht Rickman im Film wie auf der Bühne im Dauereinsatz. Er spielte in der Jane-Austen-Verfilmung „Sense and Sensibility“, im Sci-Fi-Spaß „Galaxy Quest“, und er gab den zwielichtigen Professor Snape in der „Harry Potter“-Serie.

Sein neuer Film zeigt den 68-Jährigen in einer Doppelrolle: als Regisseur und Darsteller. „Die Gärtnerin von Versailles“ (im Original: „A Little Chaos“) erzählt die Geschichte von Sabine de Barra (Kate Winslet), die vom Gartenarchitekten (Matthias Schoenaerts) Ludwigs XIV. mit der Errichtung eines Ballsaals im Freien betraut wird. Den Part des Sonnenkönigs hat Rickman selbst übernommen.

Falter: Eine herrliche Idee, einen Film über Ludwig XIV. mit seinen Kindern zu beginnen – und mit einem Pups.

Alan Rickman: Damit wollte ich etwaige Befürchtungen, dass man historische Kenntnisse braucht, um sich den Film anzuschauen, gleich einmal zerstreuen. Er spielt 1682 in Frankreich, das ist alles, was man wissen muss.

Was hat Sie an dem Stoff gefesselt?

Rickman: Alison Degans Drehbuch, ihr Blick auf Geschichte. Die Titelfigur, Sabine de Barra, ist frei erfunden. Es gab damals einfach keine Frauen, die selbstständig tätig waren – und als Gärtnerin des Sonnenkönigs schon gar nicht. Vielleicht bringt diese Figur einen ja dazu nachzudenken: Moment mal, wir leben immer noch in einer von Männern dominierten Welt, in der Frauen diskriminiert werden.

Obwohl der Film in Frankreich spielt, ist er zur Gänze in England gedreht – etwa in Black Park, der auch schon Heimat vieler Dracula-Filme war.

Rickman: Stimmt. Dort haben wir die ganzen Kutschfahrten gedreht und den königlichen Ballsaal hingebaut. Versailles war einfach nicht drin, das hätten wir uns nie leisten können, außerdem war es zum Zeitpunkt der Handlung eine Dauerbaustelle. Die französischen Interieurs, echt 17. Jahrhundert, haben wir in englischen Schlössern gefunden. Offenbar haben sich die Engländer immer gut darauf verstanden, andere Völker auszuplündern.

Schlüsselszene ist eine Begegnung zwischen Sabine und dem König, den sie anfangs für einen Gärtner hält.

Rickman: Die Idee zu dieser Szene war, Ludwig XIV. als jemanden zu zeigen, der auch eine Rolle spielen muss, um die er sich nicht gerissen hat, sondern in die er hineingeboren wurde. Und natürlich war es mir eine Freude, wieder mit Kate Winslet zu arbeiten. Als wir „Sense and Sensibility“ gedreht haben, war sie ein Teenager!

Wie ist diese Verwechslungsszene entstanden?

Rickman: Sie geht zurück auf Shakespeare und die Epoche der Restoration Comedies – auf Dramatiker wie Ben Jonson oder William Congreve.

Sie sollen als „Dresser“ für Ralph Richardson, einen der großen Shakespeare-Interpreten, gearbeitet haben.

Rickman: Das war bei einem Stück von John Osborne. Richardson spielte die Hauptrolle und ich stand Abend für Abend hinter der Bühne und schaute ihm zu. Allerdings war ich nicht sein Garderobier, sondern der von Co-Star Nigel Hawthorne. Damit habe ich mir während des Schauspielstudiums etwas dazuverdient.

„Die Gärtnerin von Versailles“ ist
Ihr erster Regiefilm seit 17 Jahren. Was hat so lange gedauert
?

Rickman: Ich war einfach nicht frei. Als ich für „Harry Potter“ zugesagt hatte, gab es ja nur die ersten drei Bücher. Ich konnte also nicht ahnen, dass ich acht Filme und zehn Jahre lang Severus Snape spielen würde. (lacht) Nicht, dass ich sonst nichts getan hätte, aber um selber einen Film zu machen, benötigt man eine gewisse Zeitspanne ohne sonstige Verpflichtungen.

Hat es Ihnen keine Probleme bereitet, abwechselnd vor und hinter der Kamera zu stehen?

Rickman: Doch, doch. Ich habe die Rolle nur übernommen, weil es der Finanzierung dienlich war. Glücklicherweise hat Ludwig nicht viele Szenen. Das hat es einfacher gemacht, und auch, dass er sich kaum bewegt. Die meiste Zeit steht der König nur herum.

Ab 30.4. in den Kinos (OF im Artis und Haydn)


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige