Fragen Sie Frau Andrea

Wien - der Faunenhain

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Kolumnen | aus FALTER 18/15 vom 29.04.2015

Liebe Frau Andrea,

ich bin neulich mit einer Gruppe anderer, ebenfalls stark verwienerter Provinzler im Treffpunkt Anzengruber gesessen. Es entspann sich eine Debatte über die Herkunft des Namens "Wien". Kommt der jetzt von "Wein" oder nicht? Wien, Weib und Gesang!

Dominik Halfahrter, per E-Mail

Lieber Dominik,

die Ortsnamenfrage beschäftigt die Forscher so lange wie nachhaltig. Oberflächlich betrachtet scheinen die Dinge einfach zu liegen. Das geschichtsträchtige Römerlager unter dem heutigen ersten Bezirk soll seine Spuren auch im Stadtnamen hinterlassen haben. Nach dieser Theorie soll der Name "Wien" von "Vindobona" kommen. Zur Erhärtung dieses Befundes wird der Lagername "Winn-Dóbbona" ausgesprochen. In der keltischen Sprache der vorrömischen Bewohner ergibt der Name allerdings erst in anderer Trennung Sinn. Demnach könnte "vindo bona" Weißer Berg bedeuten, von vindo (hell) und bona, bonn, ben (Berg). Mit "Weißer Berg" könnte das Steilufer der Donau oder die Keltensiedlung am heutigen Leopoldsberg bezeichnet worden sein, notabene Letzterer ursprünglich Kahlenberg hieß. Andere Etymologien wollen von einem Waldbach Vedunia wissen, dessen Name über die noch heute verwendete slawische Bezeichnung für Wien, "Vídeň" zu Wieden wurde (oder umgekehrt).

Nicht ohne Reiz ist jene Theorie, die den Namen des Wirkungsortes des spätrömischen Heiligen Severin - "Favianis" - auf Wien (und nicht auf Mautern) bezieht. Fa Fian hieße in gälischer Sprache "unter dem Wein", "am Wein(garten)". Nicht untreffend für einen Weinort in bester Lage, wäre damit Fian (Wein) über Vian zu Wean und schließlich Wien geworden.

Aber auch der Name "Favianis" kann anders gedeutet werden. Als Waldheiligtum und sakraler Ort von Fruchtbarkeitsmysterien. Dessen Kultträger, die römischen "Faviani", seien ausgesucht kräftige und schöne Soldaten gewesen, die sich zur Zeit der dem Faun geweihten Feste in das Faunum (Fanum, Heiligtum) zurückzogen, wo sie bacchanalischen und venerischen Exzessen hudigten -in heutiger Deutung also einen Extremfasching feierten. Von Favianis, dem faunischen Ort im Wald, sei der Name schließlich auf die Stadt übergesprungen. Faun an der Donau also.


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