Selbstversuch

Und alle Staffeln der "Sopranos", Amen

Doris Knecht versteht es nicht

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 18/15 vom 29.04.2015

In Wirklichkeit habe ich in Berlin gar nicht die Kimchi-Suppe gegessen. Und ich habe sie auch nicht in Mitte nicht gegessen, sondern in Kreuzberg-Friedrichshain, in der Seoul Kitchen, wo ich die Chili-Beef-Ramen aß, was man jetzt glauben kann oder nicht. Ich mag Kimchi nicht besonders, wie die meisten sauren Sachen, außer die von Haribo, und Sauerkraut, wenn es mit karamellisiertem Zwiefel etwa drei Stunden lang in verkorktem Sprudelwein gekocht wurde, unter Beigabe erheblicher Mengen von Butter, was jeden Rest von Säure zuverlässig ausradiert.

In Berlin gibt es ein Hotel, in dessen langen, finsteren Gängen in jeder Ecke ein Bildschirm hängt, und auf diesen Bildschirmen läuft ohne Unterlass "The Big Lebowski". Wenn man im Zimmer das TV aufdreht, findet sich ein eigener Kanal, auf dem auch nur und ohne Pause immer nur "The Big Lebowski" läuft.

Das ist gut. Und das ist mir eingefallen, als ich schon nicht mehr in Berlin war, sondern in Aussee, wo ich mich in der Nacht im Hotel durch die Kanäle zappte und wieder einmal bei "Indien" hängen blieb, auf ORF III, und hiermit möchte ich eine Petition starten, dass es einen Fernsehkanal geben möge, auf dem immer nur "Indien" gespielt wird, in einer endlosen Schleife, 24 Stunden am Tag. (Und einen, auf dem immerzu alle Folgen von allen Staffeln der "Sopranos" zu sehen sind, hintereinander, bis in alle Ewigkeit, Amen.) Auch nach all den Jahren ist "Indien" immer noch so unfassbar gut, man möchte heulen vor Glück, dass Österreich einmal so etwas Gutes hervorgebracht hat. Es ist der Beweis, dass österreichisches Fernsehglück möglich ist, trotz der "Vorstadtweiber".

Ich kann den Erfolg der "Vorstadtweiber" nicht verstehen. Es ist so verrückt traurig, dass so etwas so großen Erfolg hat. Und mir tun die Schauspielerinnen so leid. So tolle Schauspielerinnen, so schöne, gestandene Weiber, und in der ersten Viertelstunde dieser Serie müssen sie sich alle ausziehen und Sexspielzeug in die Hand nehmen. Keine hat einen ordentlichen Beruf, alle verbringen ihre Tage mit demütigenden Affären. Ich verstehe den Erfolg der "Vorstadtweiber" nicht. Und ich wünsche mir hiermit einen "Indien"-Sender, auf den man immer umschalten kann, wenn einen das restliche Fernsehprogramm in tiefe Deprimiertheit oder Weinkrämpfe stürzt, der einem für 90 Minuten oder idealerweise 24 Stunden den Glauben zurückgibt, dass Qualität, gute Bücher und großartige, schwierige Figuren in diesem Raumzeit-TV-Kontinuum möglich sind. Oder zumindest einmal waren. Und weil es nie zu spät ist, für etwas Gutes zu danken, sage ich: Danke Alfred Dorfer, danke Josef Hader, danke Paul Harather für "Indien".

Natürlich wäre das Leben viel einfacher, wenn man jemand wäre, der bei den "Vorstadtweibern" Freude und Einschaltimpuls empfände. Aber man wäre auch gern jemand, dem Culottes, bunte Leggings oder Neon-Sneakers stehen. Und dem Saures schmeckt. Aber leider.


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