Film Retro + Tagung

Bilder der Beglaubigung: Filme der geöffneten KZs

Lexikon | Gerhard Midding | aus FALTER 18/15 vom 29.04.2015

Deutschland hätte für sie die letzte Etappe sein sollen. Aber es wurde eine Stunde null. "Hier habe ich das Leben kennengelernt", sagte George Stevens, der einen Tag nach der Befreiung Dachau erreichte. Wie er den Weg ins Innere des KZs filmte, erinnert an die Ankunft der heimatlosen Familie Joad im Auffanglager in John Fords "Früchte des Zorns": als subjektive Fahrt, die sich bang voran tastet. Seine eigenen Filme sollten danach alle Leichtfüßigkeit verlieren, die sie vor dem Krieg noch besaßen. Auch der Infanterist Sam Fuller bezeugte die Gräuel, derer er bei der Befreiung von Falkenau inne wurde, mit der Kamera. Er hatte auch schon die Zukunft im Visier, die Buße und Umerziehung der Täter.

Ihre persönliche Geschichtsschreibung weicht in Nuancen ab von der, die in offiziellem Auftrag stattfand. Gemeinsam ist beiden die Ahnung, wie hart die Filmenden um professionellen Halt angesichts des unvorstellbaren Kulturbruchs rangen. Sie rekonstruierten Verbrechen, von denen es zuvor keine Bilder gab. Die Kameras mussten unerträglich nah an das Leid herangehen. Die Westalliierten legten Wert auf die unstrittige Beweiskraft der Aufnahmen. Sowjetische Kameraleute wie Roman Karmen hielten die Verbrechen der Nazis bereits seit 1941 fest. Ihre Wahrheitssuche wurde zu Propagandazwecken kompromittiert (selten war von jüdischen, meist nur von russischen Opfern die Rede). Bei der Befreiung von Auschwitz fehlte ihnen Filmmaterial; die Eroberung Berlins war für die Rote Armee wichtiger. Als einige der filmischen Zeugnisse bei den Nürnberger Prozessen gezeigt wurden, schlug das politische Klima gerade um. Sidney Bernsteins Produktion "German Concentration Camps Factual Survey" wurde seinerzeit nicht mehr fertiggestellt, da nun der Wiederaufbau des ehemaligen Kriegsgegners Priorität hatte.

Ab Fr im Österreichischen Filmmuseum


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