Film Neu im Kino

Albtraum in Rosarot: "The Voices"

Lexikon | Michael Pekler | aus FALTER 19/15 vom 06.05.2015

Beim Chinesen muss er mit dem Goldfisch sprechen. Die Kollegin von der Buchhaltung ist nicht zum verabredeten Dinner erschienen, sondern lieber mit Freundinnen zum Karaoke gegangen. Jerry (Ryan Reynolds) ist wieder mal allein geblieben. Natürlich ist er auch der einzige Gast. Dabei hätte es eine Showeinlage gegeben: einen asiatischen Elvis-Imitator.

Auch zuhause muss Jerry mit seinen Tieren sprechen. Die haben aber wenigstens eine eigene Stimme, und wenn Jerry wieder mal nicht weiß, ob er jemanden umbringen soll oder nicht, fungieren sie als fieser Einflüsterer und schlechtes Gewissen. Des Katers Wort hat mehr Gewicht und der Hund ist ein Naivling, sonst wäre Jerry kein Serienkiller und "The Voices" könnte seine Taten nicht rechtfertigen und damit seine Geschichte weiter vorantreiben.

In die innere Welt von Serienmördern einzutauchen, mag im Kino verführerisch sein. Es mag auch für Autoren und Filmemacher verführerisch sein. Als "irrer Trip in bunten Farben" wird dann etwa "The Voices" im Presseheft beschrieben, und die Regisseurin Marjane Satrapi, die vor ein paar Jahren mit ihrem autobiografischen Graphic-Novel-Film "Persepolis" für Begeisterung sorgte, mit den Worten zitiert: "Zu Hause kann er sich fallenlassen und lebt dort in einem ganz anderen Film. Das führt dazu, dass der Zuschauer ihn ab einem gewissen Punkt regelrecht anfleht, in seiner eigenen Welt zu bleiben, weil die viel schöner ist als die Realität und keine Probleme für ihn bereithält." Eine "Truman Show" für den Serienmörder?

Die Realität ist grausam und grau, der Albtraum ist auch grausam, aber rosa - so wie die Overalls in der fröhlich-glänzenden Fabrik, in der Jerry seine Arbeit erledigt und Frauen als Opfer findet. An der Darstellung Reynolds scheitert dieser Film nicht, und natürlich machen Gemma Arterton und Anna Kendrick auch noch als Talking Heads im Kühlschrank eine gute Figur. "The Voices" ist dennoch ein zynischer Film, nicht weil er moralische und ethische Konventionen spöttisch hinterfragt, sondern weil er deren Überschreitung als bonbonfarbene Harmlosigkeit missbraucht.

Bereits im Kino


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