Kunst Kritik

Irrwege: Schildkröten klettern nicht über Zäune

Lexikon | NS | aus FALTER 19/15 vom 06.05.2015

Den Winter in New York kann man fast nicht schlecht fotografieren, ist Josef Strau überzeugt. Der blaue Himmel strahlt im Hauptsaal der Secession auf unzähligen Fotos, auch wenn der Schnee darunter oft voller Schmutz ist. Das augenscheinlichste Element von Straus Ausstellung ist für den 1957 in Wien geborenen und seit langem in den USA lebenden Künstler aber eher eine Nebensache.

Im Zentrum der labyrinthischen Schau "A Turtle Dreaming" steht vielmehr die Auseinandersetzung mit Neuer Musik. Die Komponistin Marina Rosenfeld bat den Künstler, über eines ihrer Stücke zu schreiben, das nun auch fragmentarisch in der Ausstellung zu hören ist. Im Zuge dieser Beschäftigung wurde auch viel über George Gershwin und Charles Ives gesprochen, von denen auch Kennmelodien anklingen.

Strau packt ungeheuer viel in seine erste Wiener Ausstellung seit langem, er hatte unter anderem Dostojewski, Bresson und amerikanische Landschaftsfotografie im Hinterkopf. An den Wänden hängen 91 Plakate mit englischen Texten, größtenteils in der Ich-Form verfasst; sie sind Teile älterer Ausstellungen. Die titelgebende Schildkröte - wohl ein Alter Ego von Strau - bezieht sich auf die Tierchen unter den Secessionstöpfen.

So weit, so gut, wären da nicht die Einbauten in Buchstabenform, skulpturale Setzungen, die für nichts als Sackgassen sorgen. In der musiklastigen Schau mag der aus Holz und Blei nachgebaute Steinway-Flügel noch Sinn ergeben, aber ansonsten wirken die Einbauten eher wie von Horror Vacui gespeiste Raumfüller. Besser funktionieren die Zäune als strukturierendes Element, die auch Straus Fotoreise durch das verschneite New York als Motiv durchziehen. Aber sie bleiben dabei nur ein formales Statement und verlieren jedwede gesellschaftliche Brisanz.

Secession, bis 21.6.


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