Kunst Kritik

Wenn aus Staub neue Geschichte entsteht

Lexikon | NS | aus FALTER 19/15 vom 06.05.2015

Die Jugendlichen sitzen gebannt vor ihren Videospielen, während einer der Burschen Marschbefehle im Kampf gegen die virtuellen Feinde erteilt. Kader Attia hat diese Kids vor einigen Jahren in Paris gefilmt und in seinem nun in der Galerie Krinzinger gezeigten Video "History of Reappropriation" verarbeitet. Die im dokumentarischen Stil gedrehten Szenen zeigen auch Buben, die auf römischen Ruinen Fußball spielen und ein antikes Tor benützen, sowie Sequenzen aus Israel, wo auf einer Busfahrt mit Architekten der Verlauf der damals noch in Planung befindlichen Grenzmauer abgefahren wird.

In seiner ambitionierten und stimmigen Schau "Complementary Conversations" verknüpft der französischalgerische Künstler diese Videoarbeit von 2012 mit einem aktuellen hiesigen Ereignis: Auf Postern wird die Geschichte des 14-jährigen Dschihadisten erzählt, der Pläne zu einem Anschlag auf den Wiener Westbahnhof auf seiner Playstation gespeichert hatte.

Bei der letzten Documenta in Kassel wurde Attia als kritischer Künstler bekannt, der die Narben von Kolonialismus und Krieg thematisiert. Er findet aber auch schöne Bilder für Heilung, Transformation und "Bricolage" im Sinn von Claude Lévi-Strauss, der damit die Reorganisation von kulturellen Zeichen meinte. So zeigt ein Foto Attias Mutter, die eine vererbte Tonplatte einstampft und aus dem Staub mit Wasser einen neuen Teller formt. Dann präsentiert der Künstler wieder Fotos im Leuchtkasten, die eine Industrieruine in Deutschland mit einem Brunnen zusammenbringen, dessen traditionelle Form von einer chinesischen Plastikpumpe konterkariert wird. Außerdem zeigt die Ausstellung Collagen, in denen Attia die architektonische Nachkriegsmoderne aufgreift. Die Einflüsse, die etwa Le Corbusier aus der algerischen Stadt Ghardaia bezogen hat, werden in der Rezeption bis heute unterschlagen.

Galerie Krinzinger; bis 16.5.


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