Selbstversuch

Anders als die Zwinglianer

Doris Knecht erinnert sich an Zürich und an Dr. Robert

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 19/15 vom 06.05.2015

Vor 15 Jahren, als ich diese Kolumne zu schreiben begann, war ich gerade nach Zürich gezogen, und, anders als erhofft, hatten die Schweizer gar nicht auf mich gewartet. Sie wollten nie nach der Arbeit mit mir eins trinken gehen. Ich dachte, für eine gebürtige Alemannin sei Zürich eh tralala, aber das war nicht so, ich war von 15 Jahren Wien komplett versaut. In Zürich war es erst Herbst, dann war es Winter und es regnete unablässig.

Nach fünf oder sechs Wochen Dauerregen kommt einem Zürich gar nicht mehr so toll vor wie an dem einen sonnigen Sommertag, an dem man da war, um nach einem Spaziergang den glitzernden See und die mit properen Booten verzierte und von Badis gesäumte Limmat entlang einen schönen Vertrag zu unterzeichnen.

Ich begann, mich ziemlich einsam zu fühlen, so allein unter Schweizern. Dann lernte ich erst Haemmerli (ungebürtiger Schweizer) kennen und dann die Bärbel (keine Schweizerin), und die schleppte mich eines Abends zu Dr. Robert, und das rettete ein bisschen mein Leben. Denn Dr. Robert war zwar Schweizer, aber ein eher ungewöhnlicher, und er kam dann auch gleich in den Kolumnen vor als einer, der "schaut, baggert und sich unterhält wie kein Schweizer". Einer, der "direkt, wenig dezent, neugierig und streitbar" war und deshalb vielen Schweizern suspekt: "Mir aber nicht, weil im Prinzip verhält Dr. Robert sich einfach nur wie ein ganz normaler Wiener, ein mir überaus vertrautes Modell, mit dem ich mühelos zurechtkomme". Was vielleicht "damit zu tun hat, dass Dr. Robert Jude ist und einen vergebenden Gott zugeteilt bekam", anders als die Zwinglianer, deren Motto in jeder Tram affichiert war: Selbstkontrolle!

Dr. Robert lud mich zu Abendessen in sein Loft ein, stellte mir andere lustige, streitbare, unkontrollierte Schweizerinnen und Schweizer vor, schleppte mich zu merkwürdigen Anlässen und ins Kaufleuten, benahm sich mitunter fragwürdig und gab mir so das Gefühl, in Zürich nicht vollkommen deplatziert zu sein, bis ich mich dort schließlich fast ein wenig zu Hause fühlte.

In Wirklichkeit hieß Dr. Robert nicht Dr. Robert, sondern Marc Richter. Seine Großmutter stammte aus Wien, sie war vor den Nazis nach New York geflüchtet, wo sie bis zu ihrem Tod vor ein paar Jahren lebte. Richters Mutter war im Sanatorium Fürth im achten Bezirk geboren worden, das später von den Nazis "arisiert" wurde. Richter, Anwalt in Zürich, war entscheidend mitverantwortlich, dass das Gebäude vor wenigen Jahren endlich von der Republik an eine Erbengemeinschaft zurückgegeben wurde.

Wie erstaunlich viele der Schweizer, die ich nicht zuletzt dank ihm dann noch kennenlernte, waren wir über all die Jahre Freunde geblieben, als ich schon längst nicht mehr in Zürich lebte, nicht eng, aber wir hatten Kontakt und trafen uns gelegentlich. Am Freitag ist er überraschend gestorben. Heute habe ich von ihm geträumt, er grinste sein grandioses Dr.-Robert-Grinsen und winkte. Werd ihn vermissen.


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