"Die Wiener Musik hat mich eingelullt"

"Einedrahn" und "Wiener Welle" lassen das alte und das neue Wienerlied hochleben

Lexikon | Interview: Stefanie Panzenböck | aus FALTER 19/15 vom 06.05.2015


Foto: Philipp Kerber

Foto: Philipp Kerber

Vor zwei Jahren gründete die Sängerin und Schauspielerin Katharina Hohenberger die Wienerlied-Konzertreihe „Einedrahn“. Einmal im Monat holt sie sowohl etablierte als auch unbekannte Musikerinnen und Musiker auf die Bühne. Am 8. Mai steigt das „Einedrahn“-Geburtstagsfest im Café Heumarkt. Auch beim zweitägigen Festival „Wiener Welle“ in der Ottakringer Brauerei steht das alte und das neue Wienerlied im Zentrum.

Falter: „Einedrahn“ hat im Wienerischen viele Bedeutungen: von „jemandem schmeicheln“ über „angeben“ bis „betrügen“. Was heißt es im Rahmen Ihrer Konzertreihe?

Katharina Hohenberger: Da ist es natürlich positiv gemeint. Ich verstehe das Wort mit einem Augenzwinkern. Ich möchte die Menschen wieder dazu bringen, das Wienerlied zu mögen und es nicht als altertümliches Heurigengeschunkel zu erleben. „Einedrahn“ meint also: „Kommt mit mir, ich nehme euch mit und helfe euch, das Wienerlied wieder gernzuhaben.“

Am Tag des Geburtstagsfestes von „Einedrahn“ findet auch das Festival „Wiener Welle“ mit prominenten Vertretern des neuen Wienerlieds statt. Hat das Wienerlied die weinselige Heurigen-Folklore also überwunden?

Hohenberger: Es wurde in den vergangenen Jahrzehnten künstlerisch stark aufgewertet. Seit Roland Neuwirth das Wienerlied neu erfunden hat, steigt in Wien das Bewusstsein, ein wunderbares Kulturgut zu besitzen, für das man sich nicht genieren muss. Mit „Einedrahn“ wollte ich eine zusätzlich Plattform schaffen, auf der bekannte Gruppen wie Trio Lepschi oder noch wenig bekannte Künstler wie Fiaker Fiasko das Wienerlied in kleinerem Rahmen dem Publikum näherbringen.

Was unterscheidet die Wiener Musik von alpenländischer Volksmusik?

Hohenberger: Die Selbstironie macht den Unterschied, also die Angewohnheit, sich selbst – durchaus etwas boshaft – ständig aufs Korn zu nehmen. Außerdem findet das Wienerlied zu vielen eher negativ besetzten Themen humoristische Zugänge: Zum Grantigsein, zur Angst vor dem Tod, zum Trinken, zur Freunderlwirtschaft. Das Wienerlied macht daraus sehr oft etwas originell Lustiges.

Sie sind mit dem Wienerlied aufgewachsen. War es Ihnen von Beginn an sympathisch?

Hohenberger: Mein Großvater hat schon Wienerlieder geschrieben und beim Heurigen gesungen. Mein Vater mochte das als Kind zuerst gar nicht und hat die Musik erst später wiederentdeckt. Als er mir die Lieder beibringen wollte, hatte ich zuerst den Eindruck, dass sie überhaupt nichts mit mir zu tun haben. Aber dann hat die Wiener Musik mich eingelullt, und wir sind gemeinsam gewachsen. Als „Wiener Brut“ treten mein Vater und ich seit Jahren auch gemeinsam auf.

Das Wienerlied entwickelte sich zum Teil aus einer Theatertradition – Stichwort Johann Nestroy. Sie sind selbst Schauspielerin. Können Sie das mit dem Singen verbinden?

Hohenberger: Es hilft mir natürlich, dass ich die Geschichten, die die Wienerlieder zu erzählen haben, auch darstellen kann. Besonders mag ich die gestrandeten Frauen, die ein bestimmtes Manko haben, Fehler machen und am Schluss trotzdem einen Weg oder eine Art Glück finden.

Man spricht immer vom typischen Wiener. Wie charakterisiert man denn eine typische Wienerin?

Hohenberger: Die typische Wienerin ist, wie man so sagt, nicht auf die Gosch’n g’fallen. Sie kann kontern, über sich selbst lachen, und sie hat ein großes Herz. Gestrandet sind aber die meisten Figuren im Wienerlied, Frauen wie Männer. Nur beklagen die Männer ihr Leid viel intensiver.

War es schwierig, eine Wienerlied-Konzertreihe auf die Beine zu stellen?

Hohenberger: Die erste Gruppe, die vor zwei Jahren – noch ohne Gage – mitgemacht hat, war das Duo Steinberg und Havlicek. Danach hat es sich herumgesprochen, und „Einedrahn“ konnte sich relativ schnell etablieren. Eine etwas zähe Angelegenheit sind die Förderungen. Ich bekomme zwar Geld von der Stadt Wien, allerdings sehr wenig. Mit mehr Unterstützung könnte ich meine Mitarbeiter besser bezahlen, mich überhaupt bezahlen und größere Zusatzevents veranstalten.

„Einedrahn“ hat zuerst im Café Schopenhauer im 18. Bezirk stattgefunden, momentan ist das Café Heumarkt im dritten Bezirk der Veranstaltungsort. Wo wird die nächste Station sein?

Hohenberger: Meine Idee war, dass wir Wien umkreisen und mit „Einedrahn“ von Bezirk zu Bezirk wandern. Wo es als Nächstes hingeht, steht allerdings noch nicht fest.

Zwei Jahre „Einedrahn“ mit Trio Lepschi, Wiener Brut u.a.: Café Heumarkt, Fr ab 15.00

„Wiener Welle“ im Rahmen von wean hean: Ottakringer Brauerei, Fr, Sa 19.00


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