Enthusiasmuskolumne

Die großen Tocotronic im kleinen B72

Diesmal: Das beste Überraschungskonzert der Welt der Woche

Feuilleton | Gerhard Stöger | aus FALTER 19/15 vom 06.05.2015

Tocotronic im Gürtellokal B72? Klingt wie ein Scherz, wurde vergangene Woche aber durch ein FM4-Überraschungskonzert wahr. Die größte Gitarrenband Deutschlands auf einer der kleinsten Konzertbühnen der Stadt, wie geil ist das denn?!

Nicht, dass es in den vergangenen 20 Jahren einen Mangel an speziellen Wiener Tocotronic-Konzerten gegeben hätte: Man konnte die Meister des rebellisch-romantischen deutschen Außenseiterpopsongs im Radiokulturhaus erleben, im Burgtheater oder zuletzt mit Kunstanbindung im Museumsquartier. In der Intensität des kleinen Clubs aber, völlig ohne Distanz zum Publikum, das gab es nicht mehr, seit die Band im Herbst 1994 bei ihrer ersten Wien-Visite als Vorgruppe von Blumfeld spontan ein eigenes Konzert im mittlerweile längst geschlossenen Art Club anhängte. Kaum jemand hat es gesehen, aber es war derart legendär, dass ein verwackelter Mitschnitt davon später sogar auf einer Toco-DVD landete.

Diesmal waren so viele mit dabei, wie eben irgendwie hineinpassen ins B72, 150 etwa, vielleicht 200. Sie erlebten eine gleichzeitig entspannt und hochkonzentriert agierende Band, die Highlights aus allen Schaffensperioden spielte, dazu fünf neue Lieder aus dem "Roten Album", das zwei Tage nach dem Konzert am 1. Mai erscheinen sollte.

"Es ist das schwulste Album der Welt", zitierte Sänger Dirk von Lowtzow im rosa Eiskönigin-T-Shirt begeistert aus einer Rezension der Tageszeitung Die Welt. Jubel! Noch mehr Jubel dann am Ende, als das Publikum die einsetzende DJ-Musik übertönte und die Band tatsächlich ein drittes Mal zurück auf die Bühne kam, einmal noch zum Greifen nahe. Herrlich!

Zumindest die Musik wird dieselbe sein, wenn Tocotronic am 19. Juli in der Open-Air-Arena auftreten.


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