Fragen Sie Frau Andrea

Fangen und das Zwischenreich des Leo

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Kolumnen | aus FALTER 19/15 vom 06.05.2015

Liebe Frau Andrea,

als Steirer frage ich mich schon seit längerem, woher der primär in Wien gebräuchliche Ausdruck "im Leo sein" für "in Sicherheit sein" stammt. Hat dies etwas mit den Babenbergern zu tun? Mit freundlichen Grüßen, Roman Nussi, per E-Mail

Lieber Roman,

über die weitreichende regionale und soziale Verbreitung des Fangenspiels gibt es weniger Diskussionen als über die Kenntnis des Wortes "Leo" für ein spieltechnisches Freimal. Im deutschen Sprachraum kursieren zahlreiche, sehr unterschiedliche Bezeichnungen für das Asyl im Fangenspiel - Aus, Bahne, Bedeut, Biet, Boot, Bord, Borde, Botte, Botti, Bude, Bunde, C, Christ, Dreier, Frei, Freio, Friede, Halu, Hamme, Haus, Heim, Hola, Hole, Horre, Inne, Kelle, Klipp, Klippo, Kobi, Leo, Los, Lou, Mal, Malle, Mi, Otte, Pax, Pott, Potte, Pulle, Rome, Ruder, Stand, Wupp, und Zick. Das erwähnte "Leo" wird traditionell als Kurzform von Lepod, Lepoid oder Leopold begriffen und mit dem Babenberger Leopold VI., genannt der Glorreiche, Herzog von Österreich und der Steiermark, in Verbindung gebracht. In dieser Etymologie wird wahlweise der damaligen Kirche als auch dem Landesherrn ein Asylrecht zugesprochen. Als sagenhafte Freimale werden ein Stein vor der Schottenkirche und ein Ring am Stephansdom als spezifische, asylauslösende Abklatschorte erwähnt. Trotz der bestechenden Evidenz scheint es sich bei der Verbindung des Leo im Fangenspiel mit dem Babenberger-Herzog um ein volksetymologisches Konstrukt zu handeln. Größere Wahrscheinlichkeit dürfen wir einer Herkunft zusprechen, die eine Verwandtschaft des Leo mit dem mittelniederdeutschen le(he) und dem altsächsischen hleo (in der Bedeutung "Schutz, Decke") sehen. Le(he) und hleo kommen vom gemeingermanischen *hlewa, "schützender Ort, Obdach". Seglern ist das Wort freilich von Lee bekannt, der dem Wind abgekehrten, (Wind-)geschützten Seite des Schiffs. Über Zusammenhänge zwischen "Lee" und "lau" (mild, warm) diskutiert die Sprachwissenschaft noch. Gendermäßig können wir auch Differenzierungen anbieten. So bezöge sich "der" Leo auf den Herzog, "das" Leo auf die Funktion des Obdachs. Das ursprüngliche Uraltwort zu Leo, hleo und *hlewa, war jedenfalls feminin. Die Leo also.


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