Film Retrospektive

Der Blick des Fremden: Filme von Joseph Losey

Lexikon | Gerhard Midding | aus FALTER 20/15 vom 13.05.2015

Die Frage, die sich bei jedem Opfer der Schwarzen Liste stellt, scheint in seinem Fall beinahe müßig: Was für große Filme hätte er noch machen können, wenn ihn die Kommunistenjäger nicht aus den USA vertrieben hätten? Sein Werk erweckt nicht den Eindruck tragischer Vergeudung; dessen Brüche sind kein Indiz einer zerstörten Karriere. In Europa fand er ein ideales Terrain (und kongeniale Mitarbeiter), um seine barocken Ambitionen zu verwirklichen.

Das Trauma der Entwurzelung hinterließ freilich deutliche Spuren. Die Erfahrung des Fremdseins zieht sich von seinem Debüt "The Boy With Green Hair" (1948) bis "Les Routes du sud"(1978) durch sein Werk. Mit dem konzentrierten, unerbittlichen Blick des Fremden erforscht Joseph Losey (1909-1984), dessen politische Empfindsamkeit vom linken Theater der 1930er-Jahre geprägt wurde, die rissige Fassade der britischen Gesellschaft. Um ihre Widersprüche und Lebenslügen freizulegen, wählt er vorzugsweise die Erzählinstanz des Eindringlings: Ein provozierender, verführerischer Störenfried bedroht das Gefüge sozialer und erotischer Abhängigkeiten. In den bündig erzählten Genrefilmen, die er in den USA drehte, wurde noch mit offener Gewalt auf die Außenseiter reagiert, welche später in eine innere umschlägt.

Loseys Kammerspiele, etwa "The Servant" und "Accident", folgen der Dramaturgie der Machtprobe. Er kennt keine Scheu vor augenfälliger Metaphorik, führt seine Figuren zu allegorischen Konstellationen zusammen und bricht in Filmen wie "Eva" oder "Monsieur Klein" prismenhaft den Zuschauerblick. Extreme Aufsichten, ungewohnte Perspektiven, elegant unnachgiebige Fahrten sowie der Zerrblick des Weitwinkels stellen eine Spannung her zwischen Figuren und Dekors. Seine Vorliebe für eine eindringliche Symbolsprache hätten ihm amerikanische Produzenten gewiss nicht durchgehen lassen.

Bis 21.6. im Österreichischen Filmmuseum


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